Experten: Quarantäne mit Sinn füllen und professionell begleiten

05.02.2020 06:15

Rund 14 Tage sollen die China-Rückkehrer in der Pfalz in Quarantäne
bleiben. Etwa zwei Wochen in einer Kaserne - das kann lang sein.
Damit Menschen mit ihrer außergewöhnlichen Ausgrenzung besser zurecht
kommen, gibt es nach Ansicht von Experten einige Möglichkeiten.

Mainz/Frankfurt (dpa) - Ihre Unterbringung auf der Quarantäne-Station
in Germersheim bedeutet für die China-Rückkehrer nach Einschätzung
einer Expertin eine «Ohnmachtserfahrung». Deshalb sei es wichtig, die
Betroffenen gut über den Ablauf der Quarantäne und die medizinischen
Aspekte zu informieren, sagte Barbara Lubisch, die stellvertretende
Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV),
der Deutschen Presse-Agentur.

Mehr als 120 Menschen sind seit Sonntag nach ihrer Ankunft mit einer
Sondermaschine in einer Bundeswehrkaserne der südpfälzischen Stadt
untergebracht und auf das Corona-Virus getestet worden. Zeigt keiner
Symptome der Lungenkrankheit, sollen sie nach zwei Wochen nach Hause
dürfen. Am (heutigen) Mittwoch sollten Testergebnisse vorliegen.

Um die Isolation möglichst gut zu überstehen, sollten die Menschen
die Möglichkeiten erhalten, sich um dringende private und berufliche
Dinge zu kümmern, etwa per Telefon, Video oder E-Mail, riet Lubisch.
«Das würde helfen, die endlosen Tage in Quarantäne zu überstehen un
d
nimmt etwas Druck von ihnen. Es ist ja auch langweilig, wenn man
nichts zu tun hat. Schließlich ist das kein Urlaub.»

Ein gut strukturierter Tagesablauf, Bewegung an der frischen Luft und
die Möglichkeit, mit Freunden und Angehörigen außerhalb der Kaserne
zu kommunizieren, können nach Ansicht der Psychologischen
Psychotherapeutin den Menschen in der Quarantäne ebenfalls helfen,
mit ihrer ungewöhnlichen Situation besser klar zu kommen. «Es wäre
auch sinnvoll, wenn die Menschen ihre Erfahrungen untereinander
austauschen, ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe. Wenn das wegen
der Einschränkungen im direkten Kontakt nicht gehen sollte, dann
notfalls auch mit dem Handy oder anderen Kommunikationsmitteln.»

Aus der Quarantäne in Germersheim wurden am Sonntag zwei mit dem
Virus infizierte Rückkehrer zur Frankfurter Uniklinik gebracht. Nach
Angaben des Gesundheitsamtes der Stadt sind sie wohlauf. Wie lange
sie auf der Isolierstation bleiben müssen, kann nicht vorhergesagt
werden, da es sich um einen neuen Virus handelt, wie es hieß.

Wie kann man Isolation und Quarantäne gut verarbeiten? Astronauten
zum Beispiel trainieren eine Isolation für ihre Einsätze, wie der
Leiter der Raumfahrtmedizin am Europäischen Astronautenzentrum in
Köln, Guillaume Weerts, sagte. Wissenschaftlich werden die Missionen
vorbereitet, zum Beispiel unter ähnlichen Bedingungen bei
Polarexpeditionen. «Bei unseren Übungen ist das für Astronauten kein

Stress, es ist für sie fast wie Urlaub», meinte Weerts.

Bei den in Germersheim untergebrachten Menschen geht es um ihren
eigenen Schutz und um das Ausschließen der Verbreitung der Krankheit.
Niemand wolle freiwillig in Quarantäne. «Die psychologische Belastung
hängt davon ab, wie die Leute begleitet werden.»

«Was Menschen nicht mögen, ist, wenn sie ihr Leben nicht mehr selbst
steuern können», sagte Weerts. Die Situation für Astronauten bei
mehrmonatigen Einsätzen ist ungleich härter. «Aber die sind dort, um

zu arbeiten. Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Leute
ausgewählt und trainiert sind. Wir wissen, mit wem wir arbeiten.»

Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das die Rückkehrer in
Germersheim betreut, erhalten die Menschen auch eine psychologische
Betreuung. Das Angebot einer psychotherapeutischen Hilfe sei ganz
wichtig, falls die Isolierten Ängste, Panikattacken oder depressive
Stimmungen entwickeln sollten, betonte die Expertin Lubisch.

Bislang ist die allgemeine Gemütsverfassung der Menschen in der
Kaserne gut, wie das DRK berichtete. Die Helfer gäben sich Mühe, dass
kein Lagerkoller aufkomme.

Die etwa zwei Dutzend Kinder in der Quarantäne-Einrichtung können
nach Einschätzung von Lubisch leichter abgelenkt werden als die
Erwachsenen, mit Spielen und Spielzeug beispielsweise. Auch für sie
sei Bewegung ganz wichtig. Jugendlichen könne zudem der Kontakt zu
ihren gleichaltrigen Bezugsgruppen helfen, um mit dieser
«ungewöhnlichen Ausgrenzung» klar zu kommen.