Mehr Tote in China durch neuen Virus als bei Sars - Rekordanstieg

03.02.2020 10:50

Jeden Tag meldet China einen höheren Anstieg der Infektionen mit dem
Coronavirus. Fachleute rechnen erst später als bisher erwartet mit
dem Höhepunkt der Epidemie. Wie schwer trifft es die Aktienmärkte?

Peking (dpa) - Der Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit hat in der
Volksrepublik China schon mehr Menschenleben gefordert als die
Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Die Gesundheitskommission in Peking
meldete am Montag den bisher stärksten Anstieg der Infektionen und
Todesfälle innerhalb eines Tages. An dem neuen Coronavirus starben
demnach erneut 57 Menschen. Damit stieg die Gesamtzahl in
Festland-China auf 361 Tote - mehr als es durch das Schwere Akute
Atemwegssyndrom (Sars) 2002/2003 gegeben hatte. Damals waren es 349
Todesfälle. Hinzu kamen vor mehr als 15 Jahren aber noch 299 Tote in
Hongkong, weltweit waren es 774 Tote. Beim aktuellen Corona-Ausbruch
gibt es außerhalb von Festland-China bislang erst einen bekannten
Todesfall - auf den Philippinen.

Die Zahl der bestätigten Infektionen in China kletterte sprunghaft um
2829 auf 17 205 Fälle. Die Gesundheitskommission sprach zudem von
mehr als 20 000 Verdachtsfällen. Der Höhepunkt der Krankheit wird
später erwartet als bisher gedacht. «Wir gehen davon aus, dass der
Höhepunkt der Epidemie in zehn Tagen bis zwei Wochen erwartet wird»,
sagte der Chef des nationalen Virus-Expertenteams, Zhong Nanshan. Er
korrigierte damit seine Vorhersage von vor einer Woche, als er den
Höhepunkt für Ende dieser Woche vorhergesagt hatte. Die
Sterblichkeitsrate bezifferte er auf 2,4 bis 2,5 Prozent.

Die rasante Verbreitung des Virus ließ zum Wochenbeginn Chinas
Aktienmärkte um rund acht Prozent absacken. Die Börsen öffneten am
Montag erstmals wieder nach den - wegen der Epidemie verlängerten -
Ferien zum chinesischen Neujahrsfest. Chinas Regierung versuchte das
Finanzsystem zu stärken und die Auswirkungen der Epidemie abzufedern.
Mit einer ungewöhnlich hohen Geldspritze von 1,2 Billionen Yuan (rund
156 Milliarden Euro) für Geschäftsbanken bemühte sich die Notenbank,

den chinesischen Geldmarkt und das Bankensystem zu stabilisieren.

Weltweit sind rund 180 Erkrankungen durch das Virus in zwei Dutzend
anderen Ländern bestätigt. Nach dem Einreisestopp der USA für alle
Chinesen und andere Ausländer, die in China waren, zeigte sich
US-Präsident Donald Trump zuversichtlich. «Wir haben es so ziemlich
ausgeschaltet, dass es aus China kommt», sagte Trump am Sonntagabend
dem Fernsehsender Fox New. US-Bürger, die in der stark betroffenen
Region Wuhan oder der umliegenden Provinz Hubei waren, müssen für
zwei Wochen in Quarantäne. In den USA sind acht Fälle bestätigt.

Den ersten Todesfall außerhalb Chinas gab es am Wochenende auf den
Philippinen. Es handelte sich um einen eingereisten Chinesen aus
Wuhan. Asiatische Staaten haben Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um eine
Einschleppung des Coronavirus zu verhindern. Aus Angst vor einer
Verbreitung schloss Vietnam sogar die Schulen in 26 von 64 Provinzen
für eine Woche. 15 von 24 Millionen Schülern gehen damit nicht zum
Unterricht. Das Nachbarland Chinas hat acht bestätigte Infektionen.

In Deutschland ist das Virus bei zehn Menschen nachgewiesen. Unter
ihnen sind zwei am Samstag mit einer Bundeswehrmaschine aus Wuhan
ausgeflogene Deutsche. Auch immer mehr andere Länder holen ihre
Staatsbürger heim. In Frankreich traf am Sonntag ein zweiter Flieger
mit 250 Rückkehrern aus Wuhan ein. Etwa 20 Passagiere zeigten
Symptome einer Infektion. Testergebnisse lagen noch nicht vor. Alle
kamen in Quarantäne in einem Feriendorf bei Marseille. In Frankreich
sind bisher sechs Virus-Fälle bestätigt.

Auch Brasilien will jetzt doch Staatsbürger ausfliegen. Verzweifelte
Brasilianer, die in Wuhan festsitzen, hatten ein Video auf Youtube
veröffentlicht, in dem sie sich direkt an den Präsidenten Jair
Bolsonaro wenden. Dieser hatte zuvor rechtliche Hindernisse als Hürde
für Hilfsflüge geltend gemacht: Es fehle dem Land an Gesetzen, um
Menschen in Quarantäne zu nehmen. Jetzt heißt es, dass Rückkehrer
entsprechend internationaler Verfahren behandelt werden sollten.

Den beiden infizierten deutschen Heimkehrern geht es nach
Einschätzung der Ärzte gut. «Sie werden gegenwärtig isoliert
stationär betreut und sind medizinisch wohlauf», sagte der Ärztliche

Direktor des Uniklinikums Frankfurt, Jürgen Graf. Sie waren mit 122
weiteren Deutschen und deren Angehörigen mit einem Bundeswehrflugzeug
aus Wuhan nach Frankfurt am Main ausgeflogen worden.

Nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatten
die beiden zunächst keine Symptome gezeigt. So wurden sie nach
medizinischen Untersuchungen mit anderen Passagieren zu der Kaserne
nach Germersheim gebracht. Da die Erkrankung bis zu zwei Wochen nach
der Infektion ausbrechen kann, ist die zweiwöchige Quarantäne nötig.


Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, warnte
derweil vor Panikmache: «Ich habe vor der Grippe deutlich mehr Angst
- aus Sicht der Gesundheitsbehörden - als vor diesem Virus. Nach
allem, was wir wissen, ist der Verlauf in Europa sehr mild.»

Die anderen acht Infizierten in Deutschland haben sich allesamt
hierzulande mit dem Erreger angesteckt. Ihre Fälle stehen im
Zusammenhang mit der Firma Webasto in Bayern, die chinesische
Mitarbeiter zu Besuch hatte. Angesteckt haben sich sieben Angestellte
des Autozulieferers und das Kind eines Infizierten. Alle acht sind in
guter Verfassung. Ein weiterer infizierter Deutscher wurde auf der
Kanareninsel La Gomera registriert. Er soll Kontakt zu einem in
Deutschland infizierten Patienten gehabt haben.

China hat seinen Staatsbürgern von Reisen ins Ausland abgeraten und
bekämpft die Ausbreitung im Land mit radikalen Maßnahmen. In der
Krisenregion in Zentralchina wurden 45 Millionen Menschen in mehreren
Städten abgeschottet, indem die Verkehrsverbindungen gekappt wurden.
Auch andere Städte in der Volksrepublik haben Überlandverbindungen
mit Bussen ausgesetzt sowie Flüge und Züge reduziert.

Die Metropole Wenzhou - mehr als 800 Kilometer östlich von Wuhan -
hat praktisch eine Ausgangssperre für die neun Millionen Einwohner
verhängt. Jede Familie darf lediglich ein Mitglied auswählen, das
alle zwei Tage zum Einkaufen rausgehen kann.