Von China in die Südpfalz: Eine Kaserne als Corona-Quarantänestation Von Wolfgang Jung und Sandra Trauner, dpa

01.02.2020 23:42

Nach ihrer Rückkehr aus China werden mehr als 100 Deutsche und ihre
Angehörigen nun an einem Bundeswehrstandort betreut. Ehrenamtliche
Helfer gehen für mindestens zwei Wochen freiwillig mit in Quarantäne.
Die Behörden betonen, die Gefahr für die Bevölkerung sei gering.

Germersheim/Frankfurt (dpa) - Der Quarantäne-Block in der
Südpfalz-Kaserne in Germersheim glänzt vor Frische. «Das Gebäude
wurde erst 2018 fertiggestellt», sagt Bundeswehr-Hauptmann Josef
Vollmer nicht ohne Stolz. Das Objekt mit der aufgemalten Zahl 4 war
unbewohnt - bisher: Denn am Samstag kamen Dutzende deutsche
Staatsbürger und Familienangehörige aus der vom Coronavirus besonders
betroffenen chinesischen Stadt Wuhan am Stützpunkt des
Luftwaffenausbildungsbataillons an.

Ein kleiner Raum mit Etagenbett und ein Badezimmer mit
Handtuchwärmer: dies ist für zunächst zwei Wochen ihr Zuhause. Das
Verlassen des Gebäudes ist mit Mundschutz möglich, in einigem Abstand
grenzt ein Zaun mit Sichtschutz das Areal um Block 4 jedoch ein.

Dutzende Menschen auf begrenztem Raum: «Die größte Gefahr ist der
Lagerkoller», räumt Michael Sieland vom Deutschen Roten Kreuz (DRK)
ein. Die Organisation ist vor Ort für die Rückkehrer zuständig, auch

für den Kontakt im Quarantäne-Block. «Die Betreuung in der roten Zone

übernehmen 27 Freiwillige des DRK», sagt Sieland. «Wir wollen die
Menschen beschäftigen, die wohl froh und erleichtert über die
Rückkehr sind.» Für die etwa zwei Dutzend Kinder liege Spielzeug
bereit. «Und wir können jederzeit Nachschub bringen», betont Sieland.


In der Kaserne würden die Menschen, «die einiges durchgemacht haben»,

eine gute und angemessene Betreuung erhalten, ist die
rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine
Bätzing-Lichtenthäler (SPD) sicher. «Ich hoffe, dass alle nach zwei
Wochen gesund zu ihren Freunden und Familien zurückkehren können.»

Bis zu 14 Tage dauert die Inkubationszeit - die Frist von der
möglichen Ansteckung bis zum Krankheitsausbruch. Wird in dieser Zeit
in Block 4 eine Infektion mit dem Coronavirus entdeckt, müssen nicht
alle Rückkehrer länger bleiben. «Die Menschen werden in vier Gruppen

eingeteilt. Wenn Merkmale einer Erkrankung auftauchen, muss nur die
betroffene Gruppe bleiben - drei Gruppen können aber heimgehen», sagt
Landrat Fritz Brechtel aus Germersheim. Und wie ist die Stimmung der
Bevölkerung der Stadt? «Gelassen», meint der CDU-Politiker.

Spricht man Menschen in der Kommune mit etwa 20 000 Einwohnern an,
scheinen sich wirklich wenige Bürger große Sorgen zu machen. Die
Kaserne steht zudem am Rande der Stadt. Allerdings berichtet die
Zeitung «Die Rheinpfalz» auch, dass in den vergangenen Tagen in den
Apotheken von Germersheim die Verkaufszahlen für Mundschutz und
Desinfektionsmittel in die Höhe geschnellt seien. «Fachleute sagen:
Jeder Grippekranke ist ansteckender als ein Mensch mit Corona», meint
Landrat Brechtel. «Außerdem: Es kommen keine Kranken zu uns.»

«Wir minimieren mit der Quarantäne das Risiko - es ist eine reine
Vorsichtsmaßnahme», sagt der südpfälzische Bundestagsabgeordnete
Thomas Gebhart. Der CDU-Politiker ist Parlamentarischer
Staatssekretär beim Bundesgesundheitsministerium. «Experten sagen:
Das Virus ist nicht so aggressiv wie befürchtet. Die Gefahr für die
deutsche Bevölkerung bleibt gering», unterstreicht Gebhart. «Wir
reagieren angemessen, entschieden, ruhig und transparent.» Täglich
würden die Menschen in Block 4 ärztlich untersucht.

DRK-Mann Sieland zufolge steht dafür auch eine fahrbare Arztpraxis
bereit. «Wir haben einen Arzt mit Ebola-Erfahrung - und wir haben
unsere 27 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die freiwillig mit in
Quarantäne gehen.»

Einer von ihnen ist Oliver Talke. Dem 52-Jährigen aus dem Westerwald
fiel die Entscheidung nach eigenen Angaben leicht. «Für solche
Einsätze tragen wir das DRK-Zeichen auf dem Ärmel», sagt Talke an
diesem grauen Februar-Tag. Jeder kenne die Situation. «Wir sind von
den Ärzten gebrieft, ich gehe da entspannt rein.»

Die Kosten für die Quarantäne übernimmt laut Staatssekretär Gebhart

der Bund. Auch die überwiegenden Kosten des Flugs wird die
Bundesregierung tragen. Die Passagiere müssen sich allerdings
beteiligen, wahrscheinlich müssen sie den Preis eines normalen
Economy-Flugtickets von China nach Frankfurt bezahlen.

Gegen 16.30 Uhr hatte die dunkelgraue Maschine der Luftwaffe in
Frankfurt aufgesetzt. Fotografen und Kamerateams mit gelben
Schutzwesten erwarteten sie am Rand der Landebahn. Nach dem Aufsetzen
rollte sie weiter außer Sicht. Aussteigende Passagiere oder
einsteigende Ärzte waren aus der Ferne nicht genau zu erkennen.
Stundenlang hatten die Journalisten ausharren müssen, immer wieder
war die Ankunft verschoben worden. Unter anderem, da der
Bundeswehrflieger nicht wie geplant in Moskau zwischenlanden durfte.
Er wurde stattdessen in der finnischen Hauptstadt Helsinki
aufgetankt.

Nach der Landung wurden die Passagiere ärztlich untersucht - einige
traten die Fahrt in Bussen nach Germersheim nicht mit an. Elf kamen
den Behörden zufolge zur weiteren Klärung in die Frankfurter
Uniklinik. Ein Mensch soll auf das Virus untersucht werden, bei den
weiteren liegen anderen Gründe vor. Sollte sich während des
Aufenthalts in der Südpfalz-Kaserne ein Verdachtsfall ergeben,
stünden Krankenhäuser in Ludwigshafen zur Behandlung bereit, sagte
Gesundheitsministerin Bätzing-Lichtenthäler.