Negative Emissionen: Großer Wurf oder leeres Versprechen? Von Valentin Frimmer, dpa

28.01.2020 04:34

Der Atmosphäre müsste im großen Stil CO2 entzogen werden. Ideen und
Pilotprojekte dafür gibt es. Mehr aber auch nicht.

Berlin (dpa) - Auf der Suche nach neuen Waffen im Kampf gegen die
Klimaerwärmung schielen Wissenschaftler auf Island im Norden Europas.
Dort filtert eine spezielle Anlage, die an eine übergroße Klimaanlage
erinnert, Kohlendioxid (CO2) aus der Luft. Das Treibhausgas wird
gelöst in Wasser 700 Meter tief in den Boden gepresst - und damit
dauerhaft der Atmosphäre entzogen. Das klingt nach einer sauberen
Lösung, wird aber bislang nur in winzigem Maßstab betrieben.

Auf dem Projekt und einer Handvoll anderer Test-Anlagen ruhen große
Hoffnungen. Denn negative Emissionen - also das Entziehen von CO2 aus
der Atmosphäre - müssen in wenigen Jahren eine große Rolle spielen.
Kaum ein Modellszenario zum 1,5-Grad- oder 2-Grad-Ziel kommt ohne sie
aus. «Es ist unrealistisch, die Klimaerwärmung zu stoppen, ohne der
Atmosphäre zumindest etwas CO2 zu entnehmen», sagt Sabine Fuss vom
Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change
(MCC).

Das Potenzial ist in der Theorie enorm. Dich in der Praxis wird der
Atmosphäre bislang nur in homöopathischen Dosen CO2 entnommen. So
entzieht die isländische Prototyp-Anlage, die zu den sogenannten
DACCS-Verfahren gehört, der Umgebungsluft geschätzte 50 Tonnen CO2
im Jahr. Sie ist Teil des CarbFix2-Projekts und steht auf dem Gelände
des Geothermie-Kraftwerks Hellisheidi. In den nächsten anderthalb
Jahren soll laut Hersteller Climeworks eine größere Anlage entstehen,
die mehrere Tausend Tonnen CO2 pro Jahr filtern kann. Die kanadische
Firma Carbon Engineering will bis zum Jahr 2023 eine Anlage mit einer
Leistung von einer Million Tonnen CO2 im Jahr bauen.

Doch die Menschheit emittiert mehr als 40 Milliarden Tonnen
(Gigatonnen) CO2 im Jahr - ohne erkennbaren Rückgang. Ginge es weiter
wie bisher, läge der Temperaturanstieg laut UN-Umweltprogramm Unep
Ende des Jahrhunderts bei 3,4 bis 3,9 Grad. Soll die Erderhitzung
hingegen auf 1,5 Grad begrenzt werden, müssen laut Weltklimarat die
Netto-Emissionen kontinuierlich sinken, auf Null im Jahr 2050.

Der Ausstoß von Treibhausgasen wird sich Experten zufolge nicht ganz
vermeiden lassen. «Gewisse Restemissionen werden wohl bleiben», sagt

Gunnar Luderer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).
Als Beispiele nennt er den Flugverkehr und die Zementproduktion, die
sich nur schwer vollständig dekarbonisieren lassen. Damit die
Rechnung trotzdem aufgeht, sind negative Emissionen nötig.

Neben technischen Lösungen könnten riesige Wälder theoretisch
gigantische CO2-Mengen aufnehmen. Zudem könnte eine nachhaltigere
Landwirtschaft viel CO2 im Boden speichern. Doch Fuss vom MCC gibt zu
bedenken, dass Land- und Forstwirtschaft derzeit der Atmosphäre noch
Treibhausgase hinzufügen, statt welche zu entfernen.

Rund 20 Prozent des derzeitigen CO2-Ausstoßes müssten in 30 Jahren
durch negative Emissionen ausgeglichen werden, schätzt Andreas
Oschlies vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Das
wären rund acht Gigatonnen im Jahr. «Das ist hochambitioniert und
sehr optimistisch, aber machbar», sagt Oschlies.

Bislang sind die Erfolge bei negativen Emissionen durch technische
Ansätze extrem überschaubar - auch weil sie oft teuer sind. Es gibt
nur wenige Testanlagen. Deutschland spielt dabei laut Fuss vom MCC
keine Rolle: «Deutschland als Technologie-Nation hat sich nicht darum
gekümmert.»

Eine der bislang effektivsten Anlagen ist Teil einer Fabrik im
kleinen Städtchen Decatur im US-Bundesstaat Illinois. Hier wird Mais
zu Ethanol vergärt. Dabei entsteht CO2, das anschließend in ein
unterirdisches Lager gepresst wird. Kohlendioxid, das der Mais beim
Wachsen aus der Luft gebunden hat, wird also dauerhaft der Atmosphäre
entzogen. Im Jahr 2018 wurden mit dem sogenannten BECCS-Prinzip nach
Betreiberangaben etwas über eine halbe Million Tonnen CO2
gespeichert. Doch auch BECCS hat einen Haken: Für die Methode sind
riesige Agrarflächen nötig, auf denen dann keine Nahrung produziert
wird.

Andere Ansätze wie beispielsweise die künstliche Verwitterung sind
bislang nur im Labormaßstab erforscht. Dabei soll bestimmtes Gestein
fein gemahlen und auf Äcker oder auch ins Meer gestreut werden, wie
Helmholtz-Forscher Oschlies erklärt, der selbst an der Technik
forscht. Die Partikel reagieren dann chemisch mit dem CO2 aus der
Luft beziehungsweise dem Oberflächenwasser des Meeres und entziehen
damit der Atmosphäre CO2. Um eine Tonne CO2 aus der Luft zu binden,
bräuchte es laut Oschlies etwa eine Tonne Gestein.

Luderer vom PIK bezweifelt, dass ohne aktive politische Steuerung
eines der technischen Verfahren für sich gesehen in den kommenden
30 Jahren einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.
Das erfordere «extrem hohe Wachstumsraten über einen langen Zeitraum»

bei der CO2-Entfernung, die bislang in kaum einem anderen
Industriezweig vergleichbarer Komplexität beobachtet wurden. Der
PIK-Forscher hält bis 2050 global einige Hundert Millionen Tonnen
durch DACCS und BECCS für möglich. «Ein bis zwei Gigatonnen sind
theoretisch auch erreichbar», sagt er. «Aber nur, wenn man es ernst
meint und jetzt in die kommerzielle CO2-Entnahme einsteigt.»

Was muss geschehen, damit Technologien zur CO2-Entnahme in die Gänge
kommen? Fuss fordert mehr Forschungsförderung, damit negative
Emissionen billiger werden. Außerdem sei ein hoher CO2-Preis
notwendig, der auf Firmen Druck macht, selbst CO2 zu entfernen oder
negative Emissionen bei anderen Firmen einzukaufen. In jedem Fall sei
es notwendig, auf nationaler Ebene konkrete Pläne für Technologien
und Maßnahmen zu entwickeln, wie etwa in Schweden.

Oschlies plädiert für Zertifikate auf negative Emissionen, damit
Unternehmen die Entfernung von CO2 als Dienstleistung verkaufen
können. Verursacher von Treibhausgasen könnten dann negative
Emissionen mit ihrem Ausstoß verrechnen und unterm Strich auf null
CO2-Emissionen kommen. Der Helmholtz-Forscher setzt auch auf die
Macht der Verbraucher: «Wenn die Stimmung kippt, wird das
werbewirksame Thema Emissions-Neutralität neue Hebel für die
CO2-Entnahme schaffen.»

Ob negative Emissionen tatsächlich irgendwann den Kinderschuhen
entwachsen, steht in den Sternen. «Das Beste ist, CO2 gar nicht erst

zu emittieren», sagt Fuss vom MCC. «Besser man macht erst gar
keinen Dreck, dann muss man hinterher nicht aufräumen.»