Masterplan Medizinstudium 2020: Erste Testprüfung in Neubukow Von Joachim Mangler, dpa

08.11.2019 17:37

Das Medizinstudium gilt es stark verschult, Lernen geht über Multiple
Choice und Patientenkontakte sind rar. Das soll sich mit dem
Masterplan Medizinstudium 2020 ändern. Ärzte und Patienten sollen
künftig partnerschaftlich, auf Augenhöhe miteinander umgehen.

Neubukow (dpa/mv) - «Blutdruck 150:100», liest der 26 Jahre alte
Medizinstudent Giuliano Bandiko an seinem Messgerät ab. Das löst bei
seiner Patientin, der 76-jährigen Gerda Schmidt, eine ungläubige
Reaktion aus: «Das stimmt bestimmt nicht.» Ein Lächeln ist die
Antwort - der Apparat lügt nicht.

Schauplatz dieser Szene ist die Praxis für Allgemein- und
Familienmedizin im kleinen Neubukow bei Rostock im Rahmen einer
bundesweiten Premiere. Bandiko ist der erste Testprüfling für die
künftige Prüfung für Medizinstudenten in einer Hausarztpraxis im
Rahmen des Masterplans Medizinstudium 2020. Die erste klinische
Testprüfung war im Februar in Heidelberg.

Unter den Augen von Praxischef Stefan Zutz und der Direktorin am
Mainzer Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen,
Jana Jünger, untersucht der Rostocker Student seine Patientin. Sieben
Seiten umfasst das Protokoll. In der gut 45-minütigen Sitzung erfragt
Bandiko ausführlich die durchaus umfangreiche medizinische
Vorgeschichte der rüstigen Seniorin, das Familienleben und auch, wie
sie den Tag so verbringt. Der praxiserfahrene Zutz hat für seinen
künftigen Kollegen gleich noch einen Tipp, wo er während des
Erklärens mit seinen Händen hin soll: «Er soll die Merkel-Raute
machen.»

Für den zunächst aufgeregten Bandiko ist die Testprüfung nicht Teil
seines Examens. Er sei aber für seinen bald anstehenden Abschluss gut
vorbereitet, sagt Jünger. Denn die Prüfung am Patienten nach der noch
geltenden Studienordnung dauere 15 Minuten. Da werde in der Regel
zwölf Minuten lang über den Patienten gesprochen, mit ihm drei. «Das

ist der Kulturwandel», betont Jünger.

Hier müsse die Medizin der Zukunft ansetzen, ist Jünger überzeugt.
Neben der eigentlichen Therapie soll den Patienten geholfen werden,
über Ernährung, Bewegung oder soziale Kontakte gesünder zu leben.
Dann müssten sie weniger in die Praxis und der Arzt wiederum hat mehr
Zeit für die wirklich kranken Patienten.

Bislang sehe die Praxis so aus, dass es viele, aber kurze Kontakte
gibt. «Neu ist, dass künftig viel mehr Zeit für die Patienten
investiert wird», erklärt Jünger die Neuordnung des Medizinstudiums,

die dann auch im Laufe der Jahre in die Praxis übergehen wird. Die
persönliche Begegnung mit den Patienten wird schriftlich - auch für
den Patienten verständlich - festgehalten. «Wichtig ist auch, dass
der Arzt gleich an die anderen Berufsgruppen im Gesundungsprozess
mitdenkt und sie damit wertschätzt», betont Jünger. Auch der Umgang
mit dem Ende des Lebens gehöre dazu, beispielsweise die Frage nach
einer Patientenverfügung.

Mit Bandiko als deutschlandweit erstem Prüfling haben Jünger und ihre
Kollegen eine glückliche Hand gehabt. Souverän und freundlich
untersucht er Gerda Schmidt, erklärt dabei seine Handlungen und gibt
positive Verstärkung bei Dingen, die Schmidt gut macht. «Vermeidung
von Defizit-Orientierung», wie Jünger den Kulturwandel ausdrückt.

Zwei Mal muss Jünger allerdings eingreifen. Nach der körperlichen
Untersuchung sollte kein Patient unnötig lang ohne Bekleidung sein.
Auch reiche nicht der Satz der Patientin, mit den Füßen sei alles in
Ordnung. «Das soll er bitte selbst kontrollieren.» Denn an den Füße
n
seien erste Anzeichen von Diabetes-Folgeschäden zu erkennen. Gerda
Schmidt ist zufrieden, als sie von Untersuchungsliege aufsteht. «Na,
das war ja eine umfassende Untersuchung heute.» Wenn es nach Jünger
geht, sollte das zur Regel werden.





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