«Weißt du noch, wer ich bin?» - Von der Qual der vielen Fragen Von Annett Stein, dpa

20.09.2019 07:01

Demenzerkrankungen wie Alzheimer sind auch für Angehörige eine große

Belastung. Viele wissen über die neue Welt ihrer Lieben zu wenig und
tun sich schwer damit, einen Zugang dazu zu finden. Dabei reichen oft
Kleinigkeiten, um den Umgang mit Demenz-Kranken zu erleichtern.

Berlin (dpa) - «Tante Elli, weißt du noch, wer ich bin?» «Ach Oma,

das ist doch keine Gabel.» «Komm Papa, wir machen jetzt mal
Gehirntraining.» Sätze wie diese prasseln zu Tausenden auf
demenzkranke Menschen ein. Sie mögen gut gemeint sein - für die
Betroffenen können sie aber zur Qual werden. «Mit solchen Bemerkungen
werden sie darauf hingewiesen, was sie alles nicht mehr können, nicht
mehr wissen», sagt Eva Leistra, Koordinatorin der Demenzdienste beim
Malteser Hilfsdienst im Bistum Münster.

Um sich ihren Stolz und ihre Würde zu bewahren, versuchten Demente
mit aller Macht, Verluste zu verbergen, erklärt Markus Proske, seit
vielen Jahren Demenzberater. Kontrollfragen und Korrekturen machten
diese Mühen zunichte. Jeder, der Kontakt zu Dementen habe, solle
eines verinnerlichen: «Es macht keinen Sinn, den Betroffenen wieder
in die eigene Welt zurückholen zu wollen. Respektieren Sie ihn,
begleiten Sie ihn in seine Welt.»

Rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen der
Deutschen Alzheimer Gesellschaft eine Demenz, gut zwei Drittel davon
Alzheimer. Gut 300 000 Neuerkrankungen gibt es derzeit jährlich, mehr
als 800 täglich. Bis 2050 wird wegen der steigenden Lebenserwartung
mit rund drei Millionen Demenzpatienten bundesweit gerechnet. Bislang
ist die mit massivem Zellschwund im Gehirn einhergehende Krankheit
unheilbar.

«Demenz ist ein Prozess», betont Proske zum Welt-Alzheimertag am 21.
September. «In der Anfangsphase reflektiert jeder Betroffene, dass
etwas nicht stimmt.» Er sei dann ohnehin in einem emotionalen
Notstand, voller Scham, verzweifelt. «Und dann wird er wie ein Kind
abgefragt oder korrigiert», so Proske. «Das ist oft sehr
erniedrigend.» Was also tun, wenn die Oma auf die Gabel zeigt und
sagt: «Gib mir den Löffel»? Experten wie Proske und Leistra raten,
den gemeinten Gegenstand auszuhändigen, ohne den Fehler zu
kommentieren.

Verhalte sich ein Demenzkranker aggressiver als vor der Erkrankung,
liege das - von seltenen Sonderformen abgesehen - oft am unsensiblen
Umgang mit ihm. Ein klassisches Beispiel sei der Vorwurf, man habe
sich die ganze letzte Woche nicht einmal gemeldet, erklärt Leistra.
«Wenn Sie dem Demenzkranken widersprechen, weil Sie doch erst gestern
mit ihm telefoniert haben, kann das in bösem Streit enden.» Besser
sei es, dem auszuweichen, etwa mit einem Satz wie: «Oh Mama, hast du
mich so vermisst?», und den Betroffenen lieb in den Arm zu nehmen.

Für viel Verdruss sorge oft auch der Vorwurf, vom Partner oder Kind
bestohlen worden zu sein, erklärt Christa Matter, Geschäftsführerin
der Alzheimer Gesellschaft Berlin. Erkrankte vergäßen binnen
kürzester Zeit, wo sie Dinge hinlegen und würden in der Folge oft
misstrauisch, weil sie sich nur mit einem Diebstahl erklären könnten,
dass Schlüssel oder Geld nicht mehr zu finden sind.

Proske sagt: «Wir müssen uns klar machen: Alles, was ein dementer
Mensch macht, hat einen tieferen Grund.» Wenn auch nicht für uns, für

ihn selbst sei er vollkommen schlüssig. Geldbeutel, Schlüssel oder
Schuhe würden zum Beispiel gern im Kühlschrank deponiert. Der werde
als ein Schrank wie jeder andere wahrgenommen und enthalte zudem
schon etwas wichtiges: das Essen. «Noch dazu ist er mit Licht
ausgestattet - wie praktisch.»

Missachtet werde im Umgang mit Erkrankten oft ein zutiefst
menschliches Bedürfnis: das Gefühl, gebraucht zu werden. «Sich
nützlich zu fühlen, ist wichtig fürs Selbstwertgefühl, auch bei
Dementen», so Proske. Es könne schon helfen, einem Maler Tapete und
Malzeug zur Verfügung zu stellen oder einen Bauern zu fragen, wie er
früher gewirtschaftet habe. «Das Kurzzeitgedächtnis ist zwar weg,
aber das Langzeitgedächtnis bleibt, das kann man sich zunutze
machen.» Eine solche Brücke in die Vergangenheit könne auch sein,
Senioren nach den Liedern ihrer Kindheit zu fragen, ergänzt Leistra.
«Musik ist der Schlüssel zum Herzen vieler Demenzkranker.»

Angehörigen dementer Menschen raten die Experten dringend dazu,
Schulungen zu besuchen. «Wissen hilft pflegen», betont Proske. Gut 70
Prozent der Betroffenen in Deutschland würden derzeit daheim betreut,
sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Familien stießen da oft an
Grenzen, mit unnötigem Geschimpfe, unwirschen Reaktionen oder gar
einer ausgerutschten Hand als Folge. «Mit dieser Schuld müssen Sie
dann ihr ganzes Leben weiterleben», warnt er. «Das sind unsere Omas
und Opas. Wir müssen uns doch gut um sie kümmern.»





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