Möglicher Grund für Gewichtszunahme im Alter: Fettabbau lässt nach

15.09.2019 05:00

«Ich esse gar nicht mehr, werd aber trotzdem immer dicker» - diese
Klage hört man häufig von Menschen, wenn sie älter werden.
Schwedische Forscher liefern nun eine mögliche Erklärung für das
Phänomen.

Stockholm (dpa) - Im Alter erlahmt der Fettstoffwechsel und
gespeichertes Fett wird schlechter abgebaut. Das berichten Forscher
aus Schweden im Fachmagazin «Nature Medicine». Dies könnte ein Grund

dafür sein, dass viele Menschen im Alter zunehmen, obwohl sie nicht
mehr essen oder weniger Sport treiben. Deutsche Experten sehen die
Studie allerdings mit Vorbehalt.

Fett wird im Körper in Fettzellen gespeichert, den sogenannten
Adipocyten. Sie machen etwa 90 Prozent des weißen Fettgewebes aus.
Fortwährend wird in den Zellen gespeichertes Fett abgebaut und neues
eingelagert. Um zu prüfen, wie sich dieser Stoffwechsel im Laufe des
Lebens verändert, hatte das Team um Peter Arner vom Karolinska
University Hospital in Stockholm (Schweden) 54 Personen untersucht.
Von diesen hatten sie zweimal im Verlauf von durchschnittlich 13
Jahren eine Probe des Fettgewebes entnommen.

Die Wissenschaftler untersuchten das Alter der Triglyceride -
Fettmoleküle, die in den Adipocyten eingelagert sind. Sie nutzten
dazu die sogenannte C14-Methode, die das Alter zweier
Kohlenstoff-Varianten misst: C14 zu C12. Bei überirdischen
Atomversuche während des Kalten Krieges (1955-1963) erhöhte sich die
Menge des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops C14 in der Atmosphäre
vorrübergehend stark. Über die Nahrung gelangt C14 in den Körper der

Menschen und lässt sich auch im Fettgewebe finden. Anhand des
Verhältnis von C14 zu C12 können Wissenschaftler daher bestimmen, wie
alt die Fettmoleküle sind.

Es zeigte sich, dass sich mit zunehmendem Alter der Fettabbau
verlangsamte. Und zwar unabhängig davon, ob die Person zugenommen
hatte, ihr Gewicht hielt oder über die Jahre abnahm. Probanden, die
ihre Kalorienaufnahme nicht reduziert hatten, legten über den
Untersuchungszeitraum etwa 20 Prozent Körpergewicht zu.

In einem zweiten Studienteil hatten die Wissenschaftler 41 stark
übergewichtige Menschen untersucht, die sich den Magen verkleinern
lassen hatten. Die Forscher fanden, dass nur die Personen, die vor
der Operation eine niedrige Fettabbaurate hatten, nach der Operation
langfristig ihr Gewicht halten konnten. Sie vermuten, dass diese
Menschen wahrscheinlich mehr Spielraum hatten, ihre
Fettstoffwechselrate noch zu erhöhen.

«Die Ergebnisse legen erstmals nahe, dass es Prozesse in unserem
Fettgewebe gibt, welche unabhängig von anderen Faktoren, das
Körpergewicht im Alter beeinflussen. Daraus könnten sich neue
Möglichkeiten zur Behandlung von Übergewicht ergeben», sagte Arner
laut einer Pressemitteilung des Karolinska Instituts.

Helmut Frohnhofen, Abteilungsarzt für Altersmedizin am Alfried Krupp
Krankenhaus in Essen, betont, dass die Studie nur eine Hypothese
liefern kann, keine verlässlichen Aussagen: «Die Ergebnisse der
Studie sind ein interessanter Hinweis, aber es geht hier um recht
wenige Probanden», so der Mediziner. Grundsätzlich sei Übergewicht
nicht rein biologisch bedingt: «Da spielen viele Faktoren eine Rolle,
das ist zum Teil genetisch, zum Teil verhaltensabhängig. Wenn im
Alter sportliche Aktivitäten eingeschränkt sind, lässt sich das
Gewicht am besten über die Ernährung beeinflussen», so Frohnhofen.

Für Helmut Wallrafen von der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie
und Geriatrie ist Übergewicht zumindest in der Altenpflege kaum
Thema: «Wenn Menschen im Alter etwas Gewicht zunehmen, ist das eher
für sie ein subjektiv empfundenes, ästhetisches Problem, als ein
medizinisches. Als Praktiker und Pflegefachkraft ist mir das Thema
Übergewicht nur ganz punktuell untergekommen, wir haben normalerweise
eher die Herausforderung, dass Menschen im Alter an Unterernährung
leiden».

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