Aussage eines Arztes im Misshandlungsprozess: «Kinder waren gesund» Von Eva-Maria Mester, dpa

22.08.2019 17:39

Eine Mutter soll ihren Kindern Jahre lang schwere Krankheiten
angedichtet haben, um Sozialleistungen zu kassieren. Erst als ein
Mitarbeiter des Kreises misstrauisch wurde, flog der Schwindel auf.
Zwei ihrer Söhne machen im Gericht von ihrem
Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Lübeck (dpa/lno) - Im Misshandlungsprozess gegen eine 49 Jahre alte
Mutter vor dem Lübecker Landgericht hat ein Arzt am Donnerstag die
Behauptungen der Angeklagten zurückgewiesen, dass ihre Kinder alle
krank gewesen seien. Der Mediziner hatte die drei Söhne der Frau im
September untersucht, nachdem sie vom Jugendamt in Obhut genommen
worden waren. «Bei keinem der Kinder konnte ich Symptome der
behaupteten Krankheiten feststellen», sagte der 61 Jahre alte
Mediziner im Zeugenstand.

Der Angeklagten wird vorgeworfen, vier ihrer fünf Kindern mit Hilfe
gefälschter Atteste schwere Erkrankungen angedichtet zu haben, um
unberechtigt Sozialleistungen zu kassieren. Angeblich litten die
zwischen den Jahren 2000 und 2008 geborenen Kinder unter anderem
unter der Glasknochenkrankheit, Rheuma und Asthma, die drei Jungen
waren nach Darstellung ihrer Mutter auch Bluter. Keine dieser
Behauptungen traf nach Aussagen des Mediziners zu.

Die 49-Jährige schweigt weiterhin zu den Vorwürfen. Auch die beiden
14 und 17 Jahre alten Söhne, die am Donnerstag von der Polizei
vorgeführt wurden, machten von ihrem Aussageverweigerungsrecht
Gebrauch. Sie waren am Mittwoch trotz Vorladung nicht vor Gericht
erschienen. Bei dem jüngsten, heute elf Jahre alten Sohn, hatte das
Gericht auf eine Vorführung durch die Polizei verzichtet.

«Sie hat mir eingeschärft, dass ich das Kind in der Schule keinen
Moment aus den Augen lassen dürfe», sagte eine 44 Jahre alte Zeugin,
die als Schulbegleiterin für den heute 14 Jahre alten Sohn der
Angeklagten tätig war. «Am Nachmittag habe ich ihn und seine Brüder
aber oft Fahrrad fahren und in der Stadt rumlaufen sehen», sagte die
Zeugin. Das habe sie schon gewundert, sagte sie.

Mehrere Lehrerinnen der Kinder schilderten die Mutter als schwierig
und resolut. «Sie trug ihre Forderungen mit Nachdruck vor und drohte
gleich mit Klage, falls die Forderungen nicht erfüllt würden», sagt
e
eine 36 Jahre alte Lehrerin.

Eine andere Zeugin, eine 54 Jahre alte Grundschullehrerin sagte aus:
«So richtig fröhlich habe ich die beiden Jungens, die ich
unterrichtet habe, eigentlich nie erlebt.» Sie habe den Eindruck
gehabt, die Kinder seien nicht nur körperlich, sondern auch seelisch
krank gemacht worden.

Während der Aussagen der Zeuginnen würdigt die Angeklagte sie keines
Blickes. Stattdessen macht sie sich eifrig Notizen. Schon am ersten
Verhandlungstag hatte sie einen Befangenheitsantrag gegen die
Vorsitzende Richterin gestellt und die Ablösung ihres
Pflichtverteidigers verlangt.

In TV-Sendungen hatte sich die Mutter teilweise als tapfere Heldin
mit vier behinderten Kindern feiern lassen. Eine DVD einer Sendung
war im Gerichtssaal abgespielt worden.

Weitere Anträge folgten am Donnerstag. Der Prozess wird fortgesetzt,
ein Urteil wird nicht vor Ende Oktober erwartet.