Kommissar Dupins achter Fall: «Bretonisches Vermächtnis» Von Renate Grimming, dpa

02.07.2019 01:46

Kommissar Dupin kann diesmal vor der eigenen Haustür ermitteln. Kurz
von Pfingsten schreckt ein Mord das beschauliche Hafenstädtchen
Concarneau in der Bretagne auf. Hinweise erhofft sich Dupin
ausgerechnet aus der klassischen Kriminalliteratur.

Berlin (dpa) - Mit leuchtend sphärischem Blau kündigt sich kurz vor
den Pfingsttagen der Sommer im Finistère an, im bretonischen
Hafenstädtchen Concarneau laufen die Vorbereitungen für die
Feierlichkeiten mit Musik und Tanz in der Ville Close an. Da stört
ein Toter die Idylle. Ausgerechnet vor dem Lieblingsrestaurant von
Kommissar George Dupin, dem «Amiral», ist Docteur Chaboseau, ein
angesehener Arzt aus einflussreicher Familie, offenbar aus dem
Fenster des dritten Stocks gestürzt. Schnell verdichten sich die
Hinweise, dass es sich nur um Mord handeln kann. Aber wer kommt als
Täter in Frage, und aus welchen Motiven? Dupin ermittelt in allen
Richtungen. Doch weder die Frau des Toten noch seine engsten
Geschäftsfreunde, ein Apotheker und ein Weinhändler, können
Anhaltspunkte liefern, machen sich vielmehr eher verdächtig.

In seinem achten Fall nimmt Kommissar Dupin die Recherchen zunächst
zusammen mit zwei neuen Kolleginnen auf, da seine Inspektoren Riwal
und Kadec wie auch seine Lieblings-Assistentin Nolwenn noch im Urlaub
sind. Könnte das Motiv in den vielen Interessen des Arztes liegen?
Chaboseau hatte sich auch als ambitionierter Kunstsammler
hervorgetan. Außerdem investierte er zusammen mit seinen
Geschäftspartnern in die traditionelle Herstellung von Fischkonserven
sowie in bretonische Brauereikunst. Hat jemand den Arzt etwa als
Konkurrenten ausschalten wollen? Plötzlich erschüttert ein Anschlag
in einem Dock im Industriehafen die «blaue Stadt».

Die breit gestreuten Ermittlungen des Kommissars geben dem Autor
Jean-Luc Bannalec in gewohnter Weise wieder willkommene Gelegenheit,
die kulturellen, geschichtlichen und landschaftlichen Besonderheiten
der Bretagne und ihre Schönheit ausgiebig darzulegen und in den
hellsten Farben zu schildern. Auch der achte Fall von Kommissar Dupin
wird bei aller Krimi-Spannung immer wieder unversehens zu einem
erbaulichen Reiseführer. Der Kommissar führt den Leser zu den
schönsten Stränden der Region, zu den beschaulichsten Orten, diesmal
auch zum «legendären Surferparadies» La Torch - und natürlich in di
e
besten Restaurants. Vor allem die Speisekarte des traditionsreichen
«Amiral» dürfte dem Leser nach der Lektüre lückenlos geläufig s
ein.
Nicht umsonst wurde Bannalec zum Mécène (Mäzen) der Bretagne gekürt
.
Für den Tourismus in der Region ist der Autor inzwischen eine feste
Größe. Und mancherorts erhält man auch bereitwillig Hinweise dazu,
welche Tatorte einen kleinen Abstecher lohnen.

Bannalec wurde vielfach von Rezensenten auf eine Stufe gestellt mit
dem belgischen Schriftsteller Georges Simenon, der seinen Kommissar
Maigret ebenfalls in der Bretagne ermitteln ließ. Im «Bretonischen
Vermächtnis» nimmt er den Vergleich mit dem Vater des «größten
Kommissars aller Zeiten» auf kunstvolle Weise auf. Auch Simenon
platzierte seinen Kommissar Maigret in dem Kriminalroman «Der Gelbe
Hund» ausgerechnet ins «Amiral», vor dem ein Mordfall geschieht. Auch

ein Arzt und ein Apotheker kommen in dem Roman von 1931 vor. Aber es
sei dann in dem aktuellen Fall doch vieles «völlig anders», betont
dann etwa der aus dem Urlaub vorzeitig zurückgekehrte Inspektor
Riwal. Die Anspielungen und Querverweise durchziehen aber die ganze
Geschichte. Und schließlich erhofft sich Kommissar Dupin von der
Lektüre des Klassikers maßgebliche Hinweise für die Lösung seines
eigenen Falls. Der Kampa Verlag brachte übrigens eine Neuauflage des
«Gelben Hunds» einen Tag vor dem «Bretonischen Vermächtnis» herau
s.

Die Fälle eins bis sieben sind bislang von der ARD allesamt in einer
Krimi-Reihe verfilmt worden, die seit 2014 ausgestrahlt wird. Mit
Pasquale Aleardi in der Rolle des Kommissars Dupin kommen die Filme
allerdings nur schwer an die atmosphärische Dichte der Romane heran,
obwohl sie an Originalschauplätzen der Bretagne gedreht wurden. Für
insgesamt neun Fälle habe er den Stoff im Kopf, sagte Bannalec
einmal, der in Deutschland lebt, aber im Jahr zwei bis drei Monate in
der Bretagne verbringt, um seinen Charakteren so nah wie möglich zu
sein. Ob das «Bretonische Vermächtnis» nun tatsächlich nur noch ein
en
Folgefall haben wird, bleibt angesichts des großen Erfolgs der Reihe
allerdings abzuwarten.

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hält auch weiterhin an dem Pseudonym
Jean-Luc Bannalec fest, das allerdings schon bald gelüftet war. Zu
groß war die Neugier, wem es gelingen könnte, quasi aus dem Nichts
einen Bestseller nach dem anderen zu produzieren. Dahinter verbirgt
sich, wie inzwischen bekannt ist, der Verleger,
Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Autor sowie
Programmgeschäftsführer des S.Fischer Verlags, Jörg Bong.