Kleine Raupen, großer Aufwand - gegen die Gesundheitsgefahr vom Baum Von Lisa Ducret und Gisela Gross, dpa

13.06.2019 07:00

Heimische Art mit Vorliebe für warm-trockene Bedingungen: Die Raupen
des Eichenprozessionsspinners mit ihren giftigen Brennhaaren können
aktuell wieder zur Gefahr werden, der Befall wird größer eingeschätzt

als im Vorjahr. Was tun?

Berlin (dpa/bb) - Blauer Ganzkörperanzug, Handschuhe, Schutzbrille
mit Atemschutzmaske - so eingepackt fährt der Baumpfleger auf einer
Arbeitsbühne in die Höhe und macht sich in der Baumkrone zu schaffen.
Kleine Raupen, vom Boden aus kaum sichtbar, sind der Grund für den
Einsatz: Die Tierchen haben ab einem gewissen Entwicklungsstadium
giftige Brennhaare, die sich lösen, in der Luft herumschwirren und
bei Mensch und Tier gesundheitliche Folgen haben können. «Vorsicht!!
Eichenprozessionsspinner» steht deshalb auf einem gelben Schild, das
am Baumstamm nahe einer Schule angebracht ist.

Nicht nur hier in der Beymestraße in Berlin-Steglitz, unter vielen
Eichen in der Hauptstadt sollte man derzeit wegen der haarigen
Insekten Acht geben: Die Gesundheitsverwaltung erklärte kürzlich, in
den kommenden Wochen gebe es ein erhöhtes Gefahrenpotenzial, die
Bevölkerung solle befallene Areale meiden. Was die Raupen anrichten
können, zeigte sich jüngst in großem Ausmaß: Beim Nürnberger Fest
ival
«Rock im Park» etwa wurden rund 200 Menschen nach Kontakt mit den
Brennhärchen behandelt.

Um Gefahren in Straßen und Parks zu bannen, beauftragen Behörden in
den Bezirken Fachleute: An diesem Tag behandeln Baumpfleger das Nest
zunächst mit Sprühkleber, um die gefährlichen Härchen zu fixieren,

danach wird es mit einem Spachtel abgekratzt. Sämtliche Reste am Baum
werden schließlich vorsichtig abgeflammt. Penibel muss darauf
geachtet werden, dass auch wirklich alle Überbleibsel des Nests im
Müllsack landen. Sondermüll, ein Fall für die Müllverbrennungsanlag
e,
sagt Betriebsleiter André Kellermann von der Pietz Baumdienst GmbH.

In Berlin kommen ansonsten auch häufig Spezialsauger zum Einsatz, um

Nester abzusagen. Auf mechanische Methoden zur gezielten Bekämpfung
setze die Hauptstadt aus Umweltschutzgründen, sagte Derk Ehlert von
der Senatsverwaltung für Umwelt. In anderen Bundesländern wurden
zuletzt aus der Luft auch Biozide auf befallene Wälder gesprüht.
Vorsorgliches Spritzen vom Boden aus wurde vor Jahren teils in Berlin
ausprobiert. Auch mangels nachhaltiger Erfolge sei man davon aber
wieder abgekommen, hieß es etwa in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Für Kellermann ist es derzeit noch zu früh, um das Ausmaß des
Eichenprozessionsspinner-Befalls 2019 einzuschätzen. Angesichts des
trockenen, heißen Sommers 2018 und des milden Winters sei aber von
einer guten Verbreitung auszugehen. Ehlert sprach von einer leichten
Zunahme des Befalls, die aber nicht besorgniserregend sei.
Gesamtzahlen dazu lägen seinem Haus derzeit nicht vor. In Deutschland
wird seit Mitte der 1990er Jahre von einem verstärkten Auftreten des
heimischen Schmetterlings berichtet.

Bäume tragen nach Angaben von Fachleuten keine Langzeitschäden davon,
wenn die Raupen austreibende Knospen und Blätter abfressen. Grund für
die Bekämpfung sind vor allem Gesundheitsrisiken: Die Brennhaare
bewusst zu berühren, versehentlich durch die Luft mit ihnen in
Kontakt zu kommen oder gar einzuatmen, kann Hautirritationen,
Augenreizungen, Fieber, Schwindel und in Einzelfällen
schlimmstenfalls einen allergischen Schock zur Folge haben.

In typischen Fällen treibe quälender Juckreiz die Betroffenen zum
Haut- oder Hausarzt, sagte der Dermatologe Jan Ohletz vom
Vivantes-Klinikum Spandau. «Auf der Haut bilden sich nach dem Kontakt
mit den Brennhaaren Gruppen von kleinen Knötchen, meist an
freiliegenden Körperarealen wie an den Unterarmen oder dem
Dekolleté.» Das sei «keine Allergie im eigentlichen Sinne», sondern

eine Reaktion auf das in den Brennhaaren enthaltene Gift. Daher könne
jeder betroffen sein - «der eine mehr, der andere weniger
ausgeprägt», so der Experte.

Die Symptome können etwa drei bis sieben Tage andauern, wie der
Mediziner schildert - empfohlen werde, die Brennhaare der Raupe
abzuwaschen, aber das sei wegen Widerhaken nicht immer erfolgreich.
Insbesondere bei Kindern sei Vorbeugung wichtig, appellierte Ohletz:
Sie sollten in betroffenen Gebieten nicht ins Unterholz gehen und
generell keine behaarten Raupen anfassen, weil auch andere Arten
Hautreaktionen auslösen könnten.

Wer die Symptome erst einmal hat, bekommt dem Mediziner zufolge
Antihistamin-Tabletten gegen den Juckreiz - diese Mittel werden auch
bei Heuschnupfen eingesetzt - und eine mittelstarke Cortisoncreme. In
den sehr seltenen, schlimmeren Fällen sei auch die Gabe von
Cortisontabletten angezeigt, schildert Ohletz.

Für Baumpfleger sind die Raupen nicht nur ein Saisongeschäft, wie
Kellermann schildert. Alte, ausgestorbene Nester beschäftigten die
Mitarbeiter genauso. Brennhaare bleiben auch dann eine Gefahr, lösen
sich in dem Fall sogar leichter. Die Einsätze variieren: Die Nester
seien mal klein wie ein Tischtennis-, mal so groß wie ein
Medizinball, teils sei Klettern nötig. Nur der Rundumschutz beim
Entfernen bleibt gleich. «Je häufiger man mit dem Prozessionsspinner
in Berührung kommt, desto schneller reagiert man auch drauf», sagt
Kellermann.