Dokumentarfilmer Lamby: Nahles auch Opfer raueren Umgangstons Interview: Esteban Engel, dpa

03.06.2019 14:35

«Machen Sie es gut», sagt Andrea Nahles - und ist weg. Stephan Lamby,
der in seinen TV-Dokumentationen den Politikbetrieb unter die Lupe
nimmt, sieht im Rückzug der SPD-Chefin auch eine Reaktion auf
geänderte Kommunikationsmuster in Berlin.

Berlin (dpa) - Ist Andrea Nahles aus dem Amt gemobbt worden oder ist
der Abgang der SPD-Vorsitzenden Folge der «normalen Härte» in der
Politik? Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby (59), einer der
genauesten Beobachter der Berliner Szene, hat 2012 in seinem Film
«Schlachtfeld Politik» Machtkämpfe und Tricks unter Parteifreunden
beschrieben. Lamby dreht gerade eine Dokumentation über die große
Koalition für die ARD. Der Umgang der Protagonisten untereinander
werde immer schärfer, sagt er im dpa-Interview.

Frage: Wie erleben Sie die politische Lage in Berlin aus der Nähe?

Antwort: Die Situation jetzt hat sich in den letzten Tagen aufgebaut
und stark beschleunigt. Dass Andrea Nahles am Sonntag hinschmeißen
würde, hat viele überrascht - mich auch. Es wurde damit gerechnet,
dass sie am Dienstag als Fraktionsvorsitzende zurücktritt. Als Andrea
Nahles heute das Willy-Brandt-Haus verließ, hat sie auf große
Erklärungen verzichtet. Stattdessen: «Machen Sie es gut» - ein
ziemlich lakonischer Abschied nach Jahrzehnten in der Politik.

Frage: Ist sie Opfer des parteiinternen Mobbings gewesen?

Antwort: Der Druck, der intern auf sie ausgeübt wurde, war enorm. Sie
konnte sich dem nicht mehr entziehen. Ganz offenkundig ist sie
zutiefst verletzt. Das kann man etwa daran erkennen, dass sie nicht
nur ihre Spitzenämter niedergelegt hat, sondern auch ihren Abschied
aus dem Bundestag - also vermutlich aus der aktiven Politik - erklärt
hat.

Frage: Ist das nicht die normale Härte der Politik?

Antwort: Es ist die übliche Härte der Politik - und die ist alles
andere als neu. Daher sollte man jetzt nicht so tun, als wäre das ein
ungewöhnliches Phänomen. Man sollte auch nicht so tun, als wären da
vor allem Männer über eine Politikerin hergefallen, weil sie eine
Frau ist. Das empfinde ich überhaupt nicht so. Schließlich verhalten
sich Männer gegenüber Männern genauso brutal - und nicht nur bei der

SPD. Man schaue sich nur an, wie Generationen von Spitzenpolitikern
etwa der CSU miteinander umgegangen sind. Die waren nicht weniger
brutal.

Frage: Leiden Politiker unter diesem Mobbing?

Antwort: Ja, viele leiden sehr darunter - ohne das in der Regel offen
zuzugeben. Ich habe dazu 2012 die Dokumentation «Schlachtfeld
Politik» für die ARD gedreht. In Erinnerung geblieben ist mir Andrea
Fischer, die grüne Gesundheitsministerin, die 2001 von den eigenen
«Parteifreunden» aus dem Amt gedrängt wurde. Sie hat mir damals in
die Kamera gesagt, dass sie ein ganzes Jahr brauchte, um aus der
tiefsten Depression herauszufinden, in die sie gefallen war. Und zwar
mit Hilfe von Therapie und Medikamenten. Und dass sie danach noch
zehn Jahre lang unter dieser Geschichte gelitten hat.

Frage: Warum tun sich das Politiker an?

Antwort: Die besondere Dynamik von Parteien verstehen junge Politiker
am Anfang oft nicht. Sie handeln meist aus idealistischen Gründen und
glauben, sie setzen sich mit dem Gegner in anderen Parteien
auseinander. Irgendwann finden sie aber heraus, dass die eigentlichen
Gegner in der eigenen Partei sind.

Frage: Ist es glaubhaft, wenn etwa der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert
einen «menschlichen Umgang» fordert - und dabei Nahles attackiert?

Antwort: Kühnert hat sich nicht so sehr gegen Andrea Nahles
positioniert, sondern gegen die große Koalition. Es gab aber andere,
die sich überhaupt nicht zurückgehalten haben. Das scheint mir in der
Form neu zu sein. Früher spielten sich Kritik und Verletzungen
meistens in Hinterzimmern ab und nicht wie jetzt auf offener Bühne.
Die öffentlichen Attacken aus den eigenen Reihen waren bislang eher
unüblich.

Frage: Welche Rolle spielen soziale Medien?

Antwort: Sie beschleunigen und verstärken die Machtkämpfe. Es ist ein

Sog für alle, die in Ämtern sind - oder in Ämter wollen. Sich wie
früher für einen Moment zu besinnen und Dinge zunächst intern zu
regeln, ist nahezu ausgeschlossen. Der Strukturwandel der
Öffentlichkeit, mit Nachrichten und Stellungnahmen im Minutentakt,
erzeugt den ungeheuren Sog, sich immer schneller zu äußern.

Frage: Sollten die Wähler Mitleid mit Andrea Nahles haben?

Antwort: Sie sollten Mitleid mit dem Menschen Andrea Nahles haben.
Die Politikerin jedoch kennt dieses Geschäft und hat es ja auch
selbst betrieben - ich erinnere etwa an die Auseinandersetzung mit
Franz Müntefering. Möglicherweise ist es für sie eine gute
Entscheidung, sich dem Schlachtfeld Politik zu entziehen. Dieses
Leben in Berlin und in der Eifel mit ihrer Tochter war für Nahles
sicher voller Spannungen. Diesen Spannungen hat sie sich entzogen.

ZUR PERSON: Stephan Lamby gehört zu den profiliertesten
Dokumentarfilmern in Deutschland. Für seine TV-Doku über die
monatelangen Koalitionsverhandlungen «Im Labyrinth der Macht» wurde
er von der Branchenzeitschrift «Medium Magazin» als «Journalist des

Jahres 2018» ausgezeichnet. Lamby erhielt für den Film auch eine
«Goldene Kamera».