Langfinger erbeuten in Krankenhäusern Millionen Von Julia Giertz, dpa

07.02.2019 05:45

Es ist eine Schreckensvorstellung: Man liegt als Patient in der
Klinik und wird dort auch noch bestohlen. Doch viele Kranke machen
diese leidvolle Erfahrung. Können die Kliniken Abhilfe schaffen?

Mannheim (dpa) - Ob Geldbörsen, Handys, Endoskopie-Geräte oder
Topfpflanzen - in deutschen Krankenhäusern wird gestohlen, was nicht
niet- und nagelfest ist. Die Langfinger nutzen die Anonymität in den
oft ausgedehnten Gebäudekomplexen aus - und die Wehrlosigkeit von
Patienten. Der jährliche Schaden geht in die Millionen.
Die Krankenhäuser haben begrenzte Möglichkeiten, dem Unwesen Einhalt

zu gebieten: Sie müssen den Spagat üben zwischen Offenheit für die
Besucher der Kranken und deren Sicherheit. Der Patientenverband mahnt
allerdings schärfere Eingangskontrollen an.

Zwar gibt es keine bundesweite Statistik, doch welches Ausmaß die
Straftaten erreichen, zeigen Ländererhebungen. Die neuesten Zahlen
sind dabei aus dem Jahr 2017. Im bevölkerungsreichsten Bundesland
Nordrhein-Westfalen wurden damals zum Beispiel laut Landeskriminalamt
(LKA) fast 6500 Diebstahlsfälle mit einem Schaden von 3,5 Millionen
Euro in Krankenhäusern registriert. Ein Negativ-Rekord war im Jahr
davor mit einem Schaden von 8,2 Millionen Euro erreicht worden, bei
nur leicht höherer Fallzahl. Zum Vergleich: 2011 wurde infolge von
4715 Diebstählen ein Schaden von nahezu zwei Millionen angerichtet.

Auch in hessischen Krankenhäusern kommt einiges abhanden: 2017 etwa
neben Schmuck, Bekleidung und einem Regenschirm auch Tiefkühlkost,
ein Bolzenschussapparat oder ein Brettspiel. Gesamtschaden: knapp 1,8
Millionen Euro. Die Aufklärungsquote bei den 1836 Fällen lag gerade
mal bei 16 Prozent. Auch ein Hund gehörte einmal zum registrierten
Diebesgut.

In Baden-Württemberg hat die Schadenssumme 2017 einen Höchststand von
nahezu 2,75 Millionen Euro erreicht. Im Jahr 2013 waren es noch 1,8
Millionen Euro, aber die Zahl der Fälle, in die auch Arztpraxen
einbezogen sind, lag damals bei 3200 und damit über dem aktuellsten
Wert von knapp unter 3000. Der Trend rückläufiger Fallzahlen bei
höherer Schadenssumme lässt sich in mehreren Bundesländern
beobachten, so etwa in Thüringen mit 384 Diebstählen und einem
Schadensvolumen rund 400 000 Euro im Jahr 2017, nach 496 Fällen und
einem Schaden von 118 000 Euro im Jahr zuvor.

In Sachsen-Anhalt wurden am häufigsten Wertsachen aus
Patientenzimmern entwendet. 231 Fälle waren es laut LKA 2017.
Medizinische Geräte sind im vorvergangenem Jahr 18 Mal,
Betäubungsmittel 11 Mal gestohlen worden.

In Rheinland-Pfalz sorgte eine Häufung von Diebstählen hochwertiger
endoskopischer Geräte zwischen Juli 2015 und November 2017 für
Aufregung. Dort ging der Schaden wahrscheinlich in die Millionen. Ein
Diebstahl von medizinischen Geräten im Wert von 500 000 Euro ließ
2017 auch in Brandenburg die Schadenssumme hochschnellen.

Auf das Unwesen von Gangs, die es auf medizinisches Equipment
abgesehen hatten, reagierte die Uniklinik Tübingen mit der Anstellung
eines Sicherheitsdienstes, wie die Kaufmännische Direktorin Gabriele
Sonntag schildert. Tübingen sei verschont geblieben und die Diebe
inzwischen gefasst. «Aber es gibt immer wieder Sachen, die
wegkommen.» Das betreffe auch Wertgegenstände der Mitarbeiter. Unter
anderem seien Kupferkabel gestohlen worden, als neue Leitungen
verlegt wurden. Auch die Berliner Charité setzt auf einen
Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr hauptsächlich mit
Präventionsmaßnahmen befasst ist.

Die Krankenhäuser tun sich im Allgemeinen schwer, gegenzusteuern.
«Krankenhäuser sind große Komplexe mit unkontrolliertem Zugang», sa
gt
LKA-Sprecher Frank Scheulen aus Düsseldorf. Für Diebe sei es einfach,
auf die Stationen zu kommen und Schubläden und Schränke in leeren
Zimmern zu durchwühlen. Deshalb sollten Patienten zumindest
vorhandene Schließfächer nutzen.

Auch Pfleger seien inzwischen für die Problematik sensibilisiert,
sagt Lothar Kratz, Sprecher der Krankenhausgesellschaft NRW. Es sei
aber schwierig, den Überblick zu behalten. «Wir haben in NRW rund 4,6
Millionen Patienten jährlich in Krankenhäusern. Wenn jeder von ihnen
auch von zwei oder drei Menschen Besuch bekommt, dann sind drei
Viertel aller Bewohner NRWs einmal pro Jahr im Krankenhaus.»

Die Uniklinik Mannheim tut nach Angaben von Sprecher Philip Egermann
ihr Möglichstes, um Diebstähle zu verhindern. «Wir weisen auf allen
Kanälen darauf hin, möglichst keine Wertgegenstände ins Krankenhaus
mitzunehmen - was nicht dabei ist, kann nicht gestohlen werden.» Die
Appelle an die Patienten finden sich auf den Stationen, in
Patientenzimmern, in der Hausordnung und im Internetauftritt. Wer
partout nicht auf Schmuck oder teure elektronische Geräte verzichten
wolle, könne diese im Panzerschrank hinterlegen. Das Haus übernehme
nur dafür die Haftung. Ganz ließen sich Diebstähle nicht verhindern,

betont Egermann. «Wir möchten offen bleiben, damit Angehörige und
Freunde die Patienten besuchen können.» Das sei deren Gesundheit
förderlich.

Der Allgemeine Patientenverband wünscht sich hingegen schärfere
Kontrollen in den Eingangsbereichen von Kliniken. Dort müssten sich
Besucher anmelden und sagen, wen sie auf welcher Station besuchen
wollten und sich gegebenenfalls ausweisen. «Nicht jeder sollte direkt
in eine Klinik hineinspazieren können», meint Verbandspräsident
Christian Zimmermann. Mit elektronischer Datenverarbeitung lasse sich
leicht abschätzen, ob der Besucher lautere Absichten habe.





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