Was Deutschland von Mali lernen kann: Leben retten durch Impfungen Von Jürgen Bätz, dpa

01.02.2019 11:27

Im reichen Europa nimmt die Impfmüdigkeit zu. Die Zahl der
Masernfälle steigt wieder an. Kaum jemand erinnert sich an die von
Impfungen verhinderten tödlichen Krankheiten. Ganz anders im
bitterarmen Mali: Dort sind die Spritzen als Lebensretter begehrt.

Mopti (dpa) - Fatmata Traoré wartet seit gut vier Stunden bei über 30
Grad im Schatten auf eine Impfung für ihre Zwillinge. Mit Dutzenden
anderen Müttern und Kleinkindern sitzt sie im staubigen Hof eines
Gesundheitszentrums in der Stadt Mopti in Mali. Sie wartet gerne:
«Früher sind hier viele Kinder gestorben. Das ist jetzt nicht mehr
so.» Wann immer es eine Epidemie gegeben habe, hätten viele Mütter
ihre eigenen Kinder begraben müssen, erklärt die Frau, die Ende 30
ist.

«Jetzt sind alle Kinder geimpft», erklärt sie stolz, während die
Zwillinge Hawa und Fatmata in für Westafrika typischen farbenfrohen
Kleidchen auf ihrem Schoß sitzen. Selbst wenn sich eines ihrer sieben
Kinder mal verletze und blute, habe sie inzwischen keine Angst mehr,
weil alle gegen Tetanus geimpft seien. Die Kinder hätten immer Angst
vor der Spritze. «Aber zur Belohnung kaufe ich ihnen immer Kekse.»

Impfungen verhindern der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge
jährlich zwei bis drei Millionen Todesfälle. Doch in Deutschland und
anderen reichen Ländern wird die Skepsis gegenüber Impfungen immer
lauter vorgetragen. Die WHO zählt die mangelnde Impfbereitschaft
daher bereits zu den größten Gesundheitsrisiken der Welt. Die
Fallzahlen vermeidbarer Krankheiten wie Masern steigen rasant.

Bei der Akzeptanz von Impfungen könnte Deutschland wohl etwas von
ärmeren Staaten wie Mali lernen. Dort nehmen die Menschen Vakzinen
als Segen wahr, als Lebensretter. In Mali erinnern sich die meisten
Menschen noch an Fälle, in denen Kinder an vermeidbaren Krankheiten
wie Masern, Pocken oder Tetanus gestorben sind. «Hier hat deswegen
keiner Angst vor Impfungen», erklärt die Ärztin Anne Kodio, die das
Gesundheitszentrum in Mopti leitet. Die vom Staat und vom
UN-Kinderhilfswerk Unicef bereitgestellten Impfungen sind für die
Menschen ein begehrter Luxus.

Der Erfolg von Impfungen gehört zu den großen Errungenschaften in der
Geschichte der Menschheit. Vor 30 Jahren etwa starben jährlich knapp
800 000 Neugeborene an Tetanus, inzwischen sind es der WHO zufolge
dank der Impfung nur noch 34 000 Babys. Gleiches gilt für die
Masern-Impfung: Seit ihrer Einführung in den 1960er und 1970er Jahren
in der westlichen Welt und seit 2000 in Entwicklungsländern ist die
Zahl der Erkrankungen drastisch gesunken. Noch 1980 starben der WHO
zufolge rund 2,6 Millionen Menschen an der Viruskrankheit, 2016 waren
es noch knapp 110 000.

In Europa sollten Masern bis 2020 ausgerottet werden, doch das Ziel
musste kassiert werden. Die Zahl der Masernerkrankungen in der Region
vervielfachte sich von 5273 im Jahr 2016 auf 23 927 im Folgejahr. Die
Rückkehr vermeidbarer Krankheiten in Europa sei «ein Weckruf» und
verlange «rasches Handeln», fordert die WHO.

Die vor allem in reichen Ländern zunehmende Impfmüdigkeit hat
Experten zufolge verschiedene Gründe: Manchmal sind Eltern einfach
nachlässig oder vergessen vorgesehene Impfungen. Andere zweifeln am
Sinn der Impfungen, weil sie die von ihnen verhinderten Krankheiten
zu Lebzeiten selbst nie gesehen haben. Eine dritte Gruppe wiederum
wehrt sich gegen Impfungen, weil sie ohne solide wissenschaftliche
Belege Nebenwirkungen befürchten oder deren Wirksamkeit anzweifeln.

«Die Impfgegner sind eine sehr kleine, aber eine sehr aktive Gruppe»,
erklärt Sabine Wicker, Leiterin des betriebsärztlichen Dienstes der
Uniklinik Frankfurt. Die allermeisten Deutschen seien
«Impfbefürworter», sagt Wicker. Sie ist auch Mitglied der Ständigen

Impfkommission (Stiko), die die Impfempfehlungen für die
Bundesrepublik entwickelt. Aber sie räumt ein: «Ich bin seit über 20

Jahren Ärztin und es gibt kein Thema in Deutschland, das so emotional
diskutiert wird.» Das liege sicher auch daran, dass Impfungen als
präventive Maßnahme bei sonst gesunden Menschen durchgeführt würden
.
«Wenn Menschen krank sind, gehen sie zum Arzt und akzeptieren
Diagnosen und Therapien, weil sie gesund werden wollen», so Wicker.

Vermeintliche Nebenwirkungen seien meist Probleme, die im zeitlichen
Zusammenhang mit einer Impfung aufträten, erklärt die Expertin. Doch
absolute Sicherheit gibt es nicht. «Es gibt keine medikamentöse
Behandlung ohne das Risiko von etwaigen Nebenwirkungen.» Wicker nutzt
das Beispiel Masern, um die Risikoabwägung zu erläutern: Bei einer
Erkrankung bekomme statistisch etwa jeder 1000. Patient eine
Enzephalitis, also eine Entzündung im Gehirn. Es drohen bleibende
Schäden oder gar der Tod. Infolge der Impfung stehe das Risiko
hingegen bei etwa eins zu einer Million. Wicker bilanziert: «Nicht zu
impfen ist das deutlich größere Risiko.»

Um gegen Impfmüdigkeit und Impfverweigerer zu kämpfen, brauche es
mehr auf wissenschaftlichen Fakten basierende Aufklärung, fordert
sie. In Zeiten wie diesen, in denen zum Beispiel US-Präsident Donald
Trump sogenannte alternative Fakten verbreite, werde vieles
angezweifelt. Daher sei es wichtig, dass Experten die Zweifler
erreichten und sachlich überzeugten. «Die Bevölkerung muss der
Wissenschaft wieder vertrauen», fordert die Ärztin. «Impfungen sind
sicher und sie sind die wirksamste Präventionsmaßnahme.»

Bei den meisten Impfungen steht Deutschland gut da: Bei
Untersuchungen zum Schulbeginn 2016 waren rund 95 Prozent der Kinder
gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft, wie das Robert Koch-Institut
berichtet. Der Anteil der gegen Diphtherie, Tetanus und Polio
(Kinderlähmung) geimpften Kinder ist jedoch seit 2006 zurückgegangen
und liegt nun unter 95 Prozent. Diese Schwelle erachtet die WHO als
Untergrenze, um die Bevölkerung vor neuen Epidemien zu schützen.

Während Impfskeptiker in Deutschland eher im Bildungsbürgertum zu
finden sind, ist es in Mali genau umgekehrt: Überzeugungsarbeit müsse
sie nur manchmal bei Eltern ohne Schulbildung leisten, um ihnen den
Nutzen von Impfungen zu erklären, sagt Ärztin Kodio. Die vier Jahre
alten Zwillinge von Fatmata Traoré bekommen heute nur eine
Schluckimpfung Vitamin A, um ihr Immunsystem zu stärken. Jüngeren
Kindern hingegen verabreichen die Mitarbeiter des Gesundheitszentrums
eine Spritze der Fünffach-Impfung «Penta», die gegen Diphtherie,
Tetanus, Keuchhusten, Meningitis und Hepatitis B schützt. «Die Eltern
hier sorgen sich um die Gesundheit ihrer Kinder», erklärt Kodio.

Mali gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt und hat insgesamt
noch viel aufzuholen: Unicef schätzt, dass nur rund 60 Prozent aller
Kinder die wichtigsten Impfungen erhalten. Ein Grund dafür sind die
von islamistischen Extremisten angeheizten Konflikte, die den Norden
und das Zentrum des Landes erschüttern. Das zeigt sich auch im
zentralen Mopti, wo rund 100 000 Menschen zumeist in flachen
Lehmhäusern leben. In der Stadt am Ostufer des Flusses Niger werden
fast alle Kinder geimpft, denn dort sorgen Militär und eine
UN-Friedenstruppe - an der sich auch die Bundeswehr beteiligt - für
Sicherheit. Aber westlich des Flusses haben Islamisten das Sagen, das
Gesundheitswesen ist dort zum Erliegen gekommen.

In Mali scheitern Impfungen aber häufig auch an ganz banalen Gründen.
Viele der Gesundheitszentren haben zum Beispiel keinen Strom. Unicef
hat deswegen zur Aufbewahrung von Impfstoffen bereits knapp 1100
solarbetriebene Kühlschränke installiert. Die Impfkampagnen seit der
Jahrtausendwende in Mali haben Experten zufolge Zehntausenden Kindern
das Leben gerettet. Im Jahr 2000 starb dort jedes fünfte Kind noch
vor dem fünften Geburtstag, inzwischen ist es der Weltbank zufolge
nur noch jedes Zehnte. In Deutschland stirbt etwa jedes 300. Kind.

Für die etwa 65 Jahre alte Mamou Sylla ist diese Statistik nicht
abstrakt: Vier ihrer sieben Kinder sind bei der Geburt oder als
Kleinkinder gestorben. Eine ihrer Töchter litt zudem an Polio und ist
seither behindert. «Ich bin keine Expertin, aber was ich erleben
musste, also wegen Polio ein behindertes Kind zu haben, das hat mir
genug beigebracht», sagt sie. Die Frau sitzt vor ihrem Lehmhaus im
Ort Baraouéli, im Hof spazieren Ziegen, Hühner und ein Esel umher.
Heute hilft Sylla bei jeder Impfkampagne mit. Sie sagt: «Ich will
nicht, dass andere Mütter das Gleiche erleiden müssen.»