Nabu-Chef Tschimpke: «Keinen Schritt vorwärts gekommen» Interview: Christina Peters, dpa

10.01.2019 07:09

Dürre, Klimaschutz und der Diesel-Streit erregen die Gemüter.
Nabu-Chef Tschimpke warnt, dass die Politik wichtige
Weichenstellungen versäumt.

Berlin (dpa) - Der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf
Tschimpke, fordert von den Politikern mehr Mut beim Einsatz für Klima
und Umwelt. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur verlangt
Tschimpke, dass die Bürger nicht länger für politische Schwächen
zahlen sollten. Und er sagt, dass Klimaschutz «nicht nur eine
Wohlfühlveranstaltung sein» wird.

Frage: Herr Tschimpke, wie war das Jahr 2018 aus Sicht der Umwelt?

Antwort: Das war sicher kein erfolgreiches Jahr. Es gibt da zwei
Riesenprobleme, das ist einmal der Verlust der biologischen Vielfalt
und das andere ist das Thema Klimawandel. Wir sind in Deutschland mit
dem Klimaschutz nicht vorwärts gekommen, sondern mussten unsere
Klimaziele für 2020 praktisch aufgeben. Das Thema Insektensterben
kann man nur verändern, indem man eine andere Agrarpolitik macht, und
da sind wir auch keinen Schritt vorwärts gekommen. Und das andere
Thema war die Verkehrspolitik, wo wir groß reden, aber im Prinzip
nichts erreicht haben, und wo wir den riesigen Industrieskandal
haben.

Frage: Woran liegt es, dass die Lage so schwierig ist?

Antwort: Wir haben da mächtige Industrien, die in Deutschland eine
große Bedeutung haben, und man merkt, dass die Politik da nicht
bereit ist, Rahmenbedingungen zu setzen. Erkannt werden die Probleme
schon. Nur wenn es im eigenen Land um Durchsetzung geht, dann kommen
die ganzen Partikularinteressen durch und man traut sich nicht
wirklich. So fallen die Umweltziele wieder hinten herunter, obwohl
die Erkenntnis schon vorhanden ist.

Frage: Gerade hatten wir ein Dürre-Jahr. Wenn man sich Umfragen
ansieht, scheinen zuletzt Umweltthemen mehr Menschen bewegt zu haben.

Antwort: Ja, das ist schon so. Eigentlich sind es immer Katastrophen
und Skandale, die da wirken. Es gibt Wellen und zwischendrin wieder
Jahre, wo es wieder abebbt. Aber das Thema ist so relevant, dass es
nie komplett verschwindet. Alle spüren, dass sich etwas verändert,
beim Klimaschutz, bei der Landwirtschaft. Deswegen ist es wichtig,
dass wir in einer Phase, wo es oben steht, auch tatsächlich Erfolge
erzielen, von denen man wieder eine gewisse Zeit zehren kann.

Frage: Wieso haben denn die Erfolge nicht gereicht, die die
Umweltbewegung früher erkämpft hat?

Antwort: Die Gesetze sind ja gar nicht so schlecht, wir haben nur ein
Umsetzungsproblem. Weil unser System so ausgerichtet ist, dass
Umweltschäden nicht zu Unternehmenskosten werden, setzen sich die
Interessen der Industrie massiv durch. Das trägt der Bürger mit
seinem Steuergeld. Nehmen sie die Landwirtschaft: Alles, was wir da
falsch machen - Überdüngung, Pestizide, Antibiotika-Einsatz -, landet
im Trinkwasser. Die Reinigung zahlen wir mit den Trinkwassergebühren.
Eigentlich müsste der Einsatz so gesteuert werden, dass das gar nicht
erst auftritt, dafür brauchen wir Grenzwerte, und die müssen wieder
durchgesetzt werden.

Frage: Mittlerweile findet das Thema Umwelt sehr viel auch im
privaten Bereich statt, etwa beim Thema Konsum. Leiste ich schon
meinen Beitrag, wenn ich Bio-Milch kaufe?

Antwort: Jeder, der für sich nachdenkt, was er verändern oder
verbessern kann, hat schon den richtigen ersten Schritt gemacht. Aber
wir werden auch radikalere politische Lösungen brauchen, wenn wir die
Klimaschutzziele erreichen wollen. Das wird nicht nur eine
Wohlfühlveranstaltung sein, da muss man sich nichts vormachen. Das
wird auch eine Transformation unserer kompletten Gesellschaft und
unseres ökonomischen Systems bedeuten. Die Frage ist, ob wir einen
Weg wählen, der uns ein bisschen Zeit gibt, uns anzupassen, auch was
Beschäftigung und andere soziale Fragen angeht. Oder wir warten, bis
irgendeine Katastrophe kommt, wo wir dann in kürzester Frist handeln
müssen.

ZUR PERSON: Olaf Tschimpke ist seit 2003 Präsident des
Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), der mehr als 600 000 Mitglieder
hat. Davor war der 63-Jährige seit 1985 Landesgeschäftsführer und
seit 2000 Landesvorsitzender des Nabu in Niedersachsen.