Forderung: Digitale Patientenakten sollen besondere Sicherungen haben Von Sascha Meyer, dpa

30.12.2018 12:00

Auch bei Gesundheitsdaten soll künftig mehr über Smartphones und
Computer laufen - und für Versicherte medizinisch nützlich sein.
Ärzte und Verbraucherschützer mahnen maximale Sicherheitsregeln an.

Berlin (dpa) - Millionen Patienten sollen immer mehr digitale
Möglichkeiten für Kontakte zum Arzt erhalten - doch besonders
sensible Gesundheitsinformationen erfordern auch besondere
Vorkehrungen. Die Verbraucherzentralen pochen auf hohen Datenschutz
und absolute Freiwilligkeit bei neuen Angeboten und warnen vor einer
digitalen Zwei-Klassen-Medizin. Die Kassenärzte verlangen eine
Sicherung gegen Manipulationen bei elektronischen Patientenakten, die
bis spätestens 2021 eingeführt werden sollen.

Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller,
sagte der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf künftige digitale
Angebote: «Es darf nicht so sein, dass ich gezwungen oder bestraft
werde, wenn ich mich daran nicht beteilige.» Dies könne wegen
fehlender technischer und finanzieller Mittel sein oder weil jemand
sage, er misstraue solchen Angeboten und entscheide sich bewusst
dagegen. «Dann darf es keine Zwei-Klassen-Medizin auch beim Thema
E-Health geben.» Es dürfe nicht zwingend sein, ein Smartphone zu
besitzen, womöglich das neueste. Auch andere Computerzugänge sollten
gehen.

Zentral sei der Schutz der Privatsphäre, machte der vzbv-Chef klar.
Da dürfe sich die Politik nicht «wegdrücken» und Verantwortung an
falsche Stellen verlagern. Es sei gut, wenn Gesundheitsminister Jens
Spahn (CDU) für einheitliche, verbraucherfreundliche Standards und
Fortschritt bei einer stärkeren Digitalisierung sorge. «Jeder hat
sich schon einmal geärgert, für ein Rezept extra zum Arzt gehen zu
müssen.» Über Chats oder Video-Anrufe könnten Einschätzungen vom
Arzt
möglich sein, ohne persönlich vorsprechen zu müssen. Hilfreich sei
auch, wenn man unnötige Mehrfachuntersuchungen vermeiden und leichter
einen Überblick über alle eingenommenen Medikamente bekommen könne.

Darum geht es auch der Bundesregierung, die nach langem Gezerre um
zusätzliche Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte Tempo bei
der Digitalisierung machen will. Bis 2021 sollen E-Akten eingeführt
werden, die Versicherte freiwillig nutzen können, auch am Smartphone.
Einige Kassen haben schon erste Angebote gestartet. Auf eine grobe
Struktur aller künftigen Akten haben sich Ärzte und Kassen inzwischen
verständigt. Vorgesehen sind drei Bereiche: einer mit medizinischen
Daten der Ärzte, einer mit Versicherten-Informationen der Kassen und
einer, in den Patienten selbst Daten einspeisen können.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas
Gassen, sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Es muss gewährleistet
werden, dass medizinische Daten stimmen und Befunde nicht verfälscht
werden - also dass ein Röntgenbild auch nach dem dritten Mal Hin- und
Herschicken noch so aussieht wie vorher.» Zwingend sei eine sichere
Übertragung. Zudem werde jeder Patient für sich entscheiden müssen,
welche Daten er elektronisch verfügbar haben wolle und welche nicht.

«Was Patienten mit ihrer Akte machen, kann dann nicht mehr in der
Verantwortung des Arztes sein», sagte der KBV-Chef. «Das ist die
Hoheit des Patienten. Ob er es in den Tresor legt, bei Facebook
postet, oder beim Kegelabend mit seinen Freunden teilt, muss jeder
selbst entscheiden.» Mit Blick auf die technische Sicherheit sollte
es Lösungen geben, dass die Akte vielleicht auf einem Daten-Stick
liege, so dass sie nicht unfreiwillig ausgelesen werden könne. Wenn
Patienten sie auf dem Smartphone haben wollten, müsse man sagen: «Das
ist mit einer Restunsicherheit verbunden.» Wichtig sei, dies offen
und ehrlich zu kommunizieren, so dass davon niemand überrascht sei.

Um einen Mehrwert zu erreichen, müssten digitale Akten für Ärzte gut

durchsuchbar sein, erläuterte Gassen. Man sollte sagen können: «Ich
will die Laborbefunde der letzten sechs Monate, und dann müssen die
identifizierbar herauspoppen.» Und Voraussetzung für digitale
Anwendungen sei, dass überall leistungsfähige Internetverbindungen
verfügbar sind. «Das sind sie aber leider im Moment noch nicht.»