Die Sehnsucht der Teenie-Mütter nach der heilen Familie Von Janet Binder, dpa

28.12.2018 07:26

Die Zahl der Teenie-Mütter geht zurück. Dennoch wurden 2017 immer
noch über 4100 Kinder von Minderjährigen geboren. Der Grund ist meist
in deren Familienverhältnissen zu suchen.

Bremerhaven (dpa) - Lisa war 17, als sie schwanger wurde. Erst sei
sie geschockt gewesen, erzählt sie. Doch ihr sei schnell klar
geworden, dass sie das Kind behalten wolle. Ihre Eltern waren strikt
dagegen. Es kam zum Streit. «Ich sage nie, dass es ein Unfall war. Es
ist pures Glück, dass man Kinder kriegen kann», betont Lisa.
Inzwischen ist sie 18 und Mutter. Ihre Tochter Janina (Namen von
Mutter und Kind geändert) ist wenige Wochen alt. Beide leben in der
Wohngemeinschaft «Hamme Lou» für minderjährige Mütter der
Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bremerhaven.

In der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus ist Platz für sechs junge
Mütter oder Schwangere. Die Frauen essen und kochen zusammen. Sie
lernen, Milchflaschen zuzubereiten und sich an Regeln zu halten. «Die
Mädchen brauchen sehr viel Unterstützung», sagt Leiterin Ilona
Kaupat-Neubauer. Rund um die Uhr sind Betreuerinnen anwesend. Im
Schnitt bleiben die jungen Mütter ein Jahr. «Manche sind noch voll in
der Pubertät, das macht es nicht einfacher», sagt Kaupat-Neubauer.

Alle derzeitigen Bewohnerinnen wurden vom Jugendamt geschickt, auch
Lisa. Sie zog schwanger ein. Lieber wäre sie in eine eigene Wohnung
gezogen, doch damit wäre sie überfordert gewesen. «Sie war
hochaggressiv, als sie zu uns kam, voller Wut. Wir hatten große
Bedenken, wie es wird, wenn das Baby da ist», sagt Ilona
Kaupat-Neubauer. Aber einige Wochen vor der Geburt wurde Lisa
ruhiger. «Sie hat sich völlig verwandelt. Sie geht jetzt sehr süß m
it
Janina um.»

Inzwischen hat Lisa Gefallen am WG-Leben gefunden. «Man kann mit den
Betreuern Späße machen. Und mit einer Bewohnerin habe ich
Freundschaft aufgebaut», sagt die junge Mutter. Ihr Zimmer hat sie
persönlich gestaltet, sogar Fotos von ihrer Familie aufgestellt.

Die Zahl der minderjährigen Mütter in Deutschland sinkt seit Jahren.
Hatten im Jahr 2002 noch 1,1 Prozent der Neugeborenen eine Mutter
unter 18 Jahren, waren es laut Statistischem Bundesamt 2017 noch 0,5
Prozent. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung liegt das daran, dass Jugendliche immer besser verhüten.
Für die Studie «Jugendsexualität» gaben im Jahr 2014 nur acht Proze
nt
der 14- bis 17-jährigen Mädchen an, beim ersten Mal nicht verhütet zu

haben. 2001 waren es zwölf Prozent.

Dennoch wurden 2017 bundesweit immer noch 4165 Babys von
Minderjährigen geboren. Neben mangelndem Wissen über Verhütung liegt

das auch an dem Wunsch, die eigene Lebenssituation zu verbessern.
«Die Gefahr besteht, dass die Mädchen mit dem Kind ihre innere Leere
und Perspektivlosigkeit kompensieren wollen», sagt Maren Kick von Pro
familia in Bremen. «Mutter zu werden, erscheint ihnen als
Möglichkeit, sich von ihrer Familie trennen und eigenständig leben zu
können.» Dass das Leben mit Kind noch schwerer sei als ohne, sei
vielen nicht bewusst. «Sie müssen dann schnell erwachsen werden»,
betont die Sexualpädagogin.

Auch viele Bewohnerinnen im «Hamme Lou» kommen aus schwierigen
Verhältnissen. «Die Sehnsucht nach der heilen Familie spielt bei der
Entscheidung fürs Kind eine große Rolle», sagt Kaupat-Neubauer.
Manche der jungen Mädchen wollten mit der Schwangerschaft auch ihren
Freund halten oder einen Grund haben, nicht mehr zur Schule gehen zu
müssen.

Wenn das Kind da sei, sei schnell die rosarote Brille weg: der Freund
abgetaucht, die Schulpflicht besteht weiter. «Wenn das Baby nicht
mehr nur lange schläft, sondern seine eigenen Bedürfnisse entwickelt,
kommt meistens der Einbruch bei den Müttern», sagt Kaupat-Neubauer.
«Manchmal kann es dann auch ein Erfolg unserer Arbeit sein, dass die
Mutter erkennt, sie schafft es im Moment nicht mit dem Baby.» 85
Prozent der Bewohnerinnen von «Hamme Lou» seien jedoch in der Lage,
mit ihrem Kind schließlich in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Das ist auch Lisas Ziel. Drei Monate noch, dann wird sie gehen,
engmaschig betreut von «Hamme Lou». Sie wird zusammen mit anderen
jungen Müttern ihren Schulabschluss nachholen. Möglich macht das das
«Känguru-Projekt» in Bremerhaven, bei dem die Babys während des
Unterrichts im Nebenraum betreut werden. Anschließend will Lisa eine
Ausbildung anfangen. Auch mit ihren Eltern hat sie sich inzwischen
versöhnt. «Meine Familie steht mir zur Seite», sagt sie und gibt
Janina die Flasche. Wenn sie die Kleine zum Schlafen hinlegt, dann
hat sie ein bisschen Zeit für sich.