Helfend statt hilfsbedürftig: Blinde 44-Jährige ist Lebensberaterin Von Matthias Röder, dpa

03.01.2019 04:00

In Österreich ist eine von Geburt an blinde Frau Lebensberaterin für
Nicht-Blinde. Die fast 200 Jahre alte Brailleschrift hat ihr auf dem
Weg dorthin geholfen. Neue Technologien können für Blinde Segen sein
- oder Fluch.

Linz (dpa) - Constanze Hill hat den Spieß umgedreht: Nicht ihr wird
geholfen, sie hilft anderen Menschen. Die 44-jährige Österreicherin,
von Geburt an blind, arbeitet seit 20 Jahren als Lebensberaterin.
Erst als Frau am Sorgentelefon bei diversen österreichischen
Radiosendern, im Fernsehen, als Autorin von drei Büchern und seit
wenigen Tagen als Coach mit eigener Praxis in Linz. «Es erfüllt mich,
den sogenannten Nicht-Blinden dabei zu helfen, zu sehen, was sie
wollen und wie sie es bekommen können», sagt die Mutter eines
16-jährigen Sohns und einer 11-jährigen Tochter.

Wichtiger Baustein für ihre weitgehende Unabhängigkeit, für ihre
Ausbildung und ihre Kenntnis von der Welt war die Brailleschrift. Die
1825 von Louis Braille entwickelte Punktschrift für Blinde, an deren
Bedeutung am Welt-Braille-Tag (4. Januar) erinnert wird, verliert
nach Überzeugung von Hill aber an Wichtigkeit.

Dank Hörbüchern, Sprachbefehlen und vielen technischen Hilfsmitteln
würden die mit den Fingerspitzen ertastbaren Punkte weniger
bedeutsam, sagt Hill, die sich auch zur Sexualberaterin
weitergebildet hat. «Mittlerweile kann man ohne Brailleschrift
leben», meint sie.

Das sieht nicht jeder so. «Beschriftungen in Braille in Aufzügen, an
Türen oder auf Medikamentenpackungen sind extrem wichtig für die
Selbstbestimmung», sagt die Präsidentin des Sozialverbands VdK
Deutschland, Verena Bentele. Die Punkte ermöglichten auch
Orientierung im Haushalt, wenn zum Beispiel Gewürzdosen mit
Brailleschrift beklebt würden.

Der Trend zu Touchscreens ist nach Meinung von Bentele für Blinde
sehr kritisch. An Herd und Waschmaschine fehlten zunehmend Knöpfe und
Drehschalter. «Was für die einen modern und gut zu bedienen ist,
stellt blinde und sehbehinderte Menschen vor ein großes Problem»,
sagt die mehrfache Weltmeisterin und Goldmedaillengewinnerin bei den
Paralympics im Biathlon und Skilanglauf.

In Deutschland leben nach Angaben des Deutschen Blinden- und
Sehbehindertenverbands schätzungsweise 150 000 Blinde und 500 000
Menschen mit Sehbehinderungen - Tendenz steigend. Viele erblinden
erst im Alter, was die Umstellung auf ein Leben ohne Augenlicht umso
schwieriger macht.

Inzwischen haben sich auch bestimmte Urlaubsanbieter auf die
Bedürfnisse von Sehbehinderten eingestellt. Auf Kreuzfahrtschiffen
ist nach Angaben der Branche Blindenschrift an den Griffen in den
Gängen oder an den Kabinen mittlerweile oft Standard. Auf einem
Schiff gibt es sogar einen eigenen Braille-Drucker an Bord, um zum
Beispiel das Tagesprogramm in Blindenschrift zu drucken. Das
generelle Problem mit der Brailleschrift: Sie braucht viel Platz.
Ein Band aus der Harry-Potter-Reihe umfasst laut Experten mehrere
Aktenordner, die Bibel füllt einen ganzen Aktenschrank.

Für Hill ist das Führen eines selbstbestimmten, aktiven Lebens ganz
normal. Und sie hat auch den Anspruch, optisch attraktiv zu sein.
Voller Stolz erzählt sie, wie sie 25 Kilogramm dank Intervallfasten
abgenommen hat.

Ihre Behinderung sei in ihrem Job eher ein Vorteil. «Ich bin beim
Gespräch von den Augen nicht abgelenkt», beschreibt sie die volle
Konzentration auf die Anliegen der Ratsuchenden. Es komme ihr auch so
vor, als habe das Gehirn die Kapazitäten frei, die es sonst für die
Verarbeitung optischer Reize brauche. Ärgerlich sei es zwar, wenn
Taxifahrer sie und ihren Blindenhund wieder einmal nicht mitnähmen,
und ein Einkauf im Supermarkt ohne fremde Hilfe sei auch nicht
möglich. Aber die Schärfung der restlichen Sinne helfe über viele
alltägliche Hürden. «Sie hören, dass das Fleisch durch ist. Hören
sie
einfach ihrem Schnitzel zu!»