Pinscher-Poncho und Schweine-Elend - Die selektive Liebe zum Tier Von Christoph Driessen, dpa
Tierrechte finden zunehmend Beachtung in Deutschland, doch die Liebe
zum Mitgeschöpf ist sehr selektiv. Das bedeutet: Ja zum Maniküre-Set
für gepflegte Pfoten - aber auch zum Billigfleisch vom Discounter.
Berlin (dpa) - Tierschutz kann in Deutschland extreme Formen
annehmen. In Hannover gab es im Frühjahr eine Mahnwache für den
Kampfhund Chico, der seine Besitzerin und deren Sohn totgebissen
hatte. Danach war er, auch wegen einer schweren Kieferverletzung,
eingeschläfert worden. Bei der Mahnwache legten etwa 80 Menschen
Blumen, Kerzen und Stoffhunde nieder. «Chico ist ermordet worden»,
stand auf einem Plakat. Gegen beteiligte Tierärzte und
Behördenmitarbeiter gingen Morddrohungen ein.
Für die Soziologin Julia Gutjahr von der Universität Hamburg sind die
Vorkommnisse zum Teil mit einer neuen Sensibilität für das Schicksal
von Tieren zu erklären. Fast jeder sieht sich heute als Tierfreund.
«Gleichzeitig bleibt Empathie mit Tieren jedoch hochgradig selektiv
und ambivalent», meint Gutjahr.
Zum Welttierschutztag am 4. Oktober lässt sich feststellen: Die
Rechte der Tiere finden mehr Beachtung - aber sie selbst profitieren
nur begrenzt davon. Bestimmte Tiere können dem Menschen gar nicht nah
genug sein. Vorgewärmte Ruhekissen, Pinscher mit Poncho oder
Maniküre-Sets für gepflegte Pfoten - nichts ist zu ausgefallen und zu
teuer, wenn es um das Wohlergehen von Hund und Katze geht.
Gleichzeitig ist ein Kilo Fleisch oft für weniger Geld zu haben als
ein Kilo Erdbeeren oder eine Schachtel Zigaretten.
Der Widerspruch erklärt sich dadurch, dass Haus- und Nutztiere in
völlig unterschiedliche Kategorien eingeordnet werden. «In unserer
Gesellschaft sind Tiere in «essbar» und «nicht-essbar» unterteilt
»,
sagt die Psychologin Tamara Pfeiler von der Uni Mainz. Die
Unterscheidung in Haus- und Nutztier entstand im Zuge der
Industrialisierung, als Menschen in großer Zahl in die Städte zogen
und fortan nur noch mit ganz bestimmten Tieren unter einem Dach
lebten.
Haustiere haben sich seitdem zu Familienmitgliedern entwickelt. «Das
ist etwas vollkommen anderes als ein Nutztier», erläutert der
Ernährungspsychologe Christoph Klotter von der Hochschule Fulda. «Wir
können die Katze Bijou niemals vergleichen mit dem anonymen Schwein.»
Schlachttiere treten im Leben der meisten Deutschen nicht lebend in
Erscheinung. Die persönliche Konfrontation mit dem Braten ist
keineswegs erwünscht. Vergangenes Jahr bot ein Bauer in der
Vorweihnachtszeit in der Kölner Fußgängerzone lebende Gänse als
Festtagsschmaus an. Interessierte Kunden konnten sich ein Tier
aussuchen, das dann vom Bauern betäubt, geköpft und gerupft wurde.
Viele Passanten zeigten sich schockiert, manche brachen in Tränen
aus. Dabei stand zweifelsfrei fest, dass die Freilaufgänse vom
Bauernhof bis dahin ein glückliches Leben geführt hatten. Sie waren
so «bio» wie nur möglich. Dennoch wollten sich die meisten Menschen
der Transformation von Lebendware zum Fleischprodukt nicht aussetzen
- neun der zehn Tiere wurden schließlich freigekauft.
Das Experiment der WDR-Sendung «Planet Wissen» offenbarte einmal mehr
das gespaltene Verhältnis zum Tier. «Aus Deutschland werden
Hühnerfüße exportiert, nach Afrika», erzählt Klotter. «Denn die
Deutschen würden vor Entsetzen umkippen, wenn sie Teile des Huhns
sähen, die daran gemahnen, dass es mal ein Tier war.»
Derselbe Tierfreund, der ein Insekt aus dem Haus trägt und vorsichtig
im Garten aussetzt, kann gleichzeitig sein Schnitzel vom Discounter
beziehen. Aus Fernsehdokumentationen hat man zwar eine vage
Vorstellung davon, unter welch elenden Umständen die meisten
Nutztiere gehalten werden, «doch der direkte Link zum eigenen
Verhalten fehlt», erklärt die Tierethik-Philosophin Friederike
Schmitz. «Wenn ich einen Hund einsperre, jault der. Bei Haustieren
sehe ich in vielen Fällen sofort die Auswirkungen meines Handelns.
Aber wenn ich Fleisch kaufe, sehe ich nicht den direkten Effekt für
das jeweilige Tier.»
Dennoch gelte ganz klar, dass der Tierschutz an Bedeutung gewinne,
betont der Soziologe Marcel Sebastian von der Universität Hamburg.
«Fleischreduktion und Fleischverzicht ist ein großes Thema.» Es sei
zwar schwierig, den Anteil der Vegetarier an der Bevölkerung zu
ermitteln. Unstrittig sei aber, dass er zunehme und der Markt darauf
entsprechend reagiere. «Viele Fleischunternehmen bieten jetzt auch
vegetarische Produkte an. Die Medien berichten immer häufiger,
Sachbücher zu Tierschutzthemen werden Bestseller. Es bekommt auch
eine zunehmende politische Relevanz, sich mit Tierschutz zu
beschäftigen.»
Sebastian glaubt deshalb, dass das Thema künftig noch wichtiger
werden wird. «Es gibt das Bedürfnis, die Beziehung zu Tieren, auch zu
Nutztieren, neu auszuhandeln. Meine Prognose ist, dass wir da vor
einem grundlegenden Wandel stehen.»
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