Studie: Fluglärm erhöht Spiegel an Stresshormonen und schädigt Gefä ße Von Oliver von Riegen, dpa

17.02.2017 17:22

Wie schädlich ist Fluglärm? Diese Frage stellen sich nicht nur
Anwohner von Flughäfen, sondern auch Mediziner. Mainzer Forscher
haben nun eine neue Studie vorgelegt.

Mainz (dpa) - Fluglärm führt einer neuen Mainzer Studie zufolge zu
Gefäßschäden und langfristig zu mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu

diesem Schluss kommt ein Team um den Kardiologen Thomas Münzel von
der Universitätsmedizin Mainz. Das Thema ist emotional und politisch
aufgeladen. Anwohner und Flughafen-Betreiber streiten seit Jahren
über Gesundheitsrisiken durch Fluglärm. Münzels Arbeit steht in einer

Reihe von teils widersprüchlichen Studienresultaten. Er selbst ist
von Fluglärm betroffen und ein erklärter Gegner davon. Die
wichtigsten Antworten zu der neuen Untersuchung:

Um was geht es?

2013 wiesen Forscher aus Mainz und Pennsylvania (USA) unter der
Leitung von Münzel nach, dass simulierter Nachtfluglärm die
Konzentration des Stresshormons Adrenalin im Körper erhöht und die
Funktion der Gefäße beeinträchtigt. Nun erklären Münzel und 15
weitere Wissenschaftler im «European Heart Journal», über welche
Mechanismen die Gefäßschäden zustande kommen. Ihre Erkenntnisse
beruhen auf Tierversuchen.

Was haben die Forscher genau gemacht?

Die Wissenschaftler simulierten im Mäusestall über mehrere Tage
hinweg die Geräuschkulisse, die durch Flugzeuge entsteht. Der
Fluglärm erreichte dabei eine Lautstärke von bis zu 85 Dezibel. Dabei

untersuchten die Forscher, wie die Mäuse darauf im Vergleich zu einer
Kontrollgruppe, die keinem Fluglärm ausgesetzt war, reagierten.

Was kam dabei heraus?

Bereits nach einem Tag habe Fluglärm eine Gefäßstörung (endothelial
e
Dysfunktion) ausgelöst und den Pegel von Stresshormonen wie
Adrenalin, Noradrenalin und Cortison steigen lassen, berichtete
Münzel. Dies führe zu Bluthochdruck. Die Hormone aktivieren laut
Studie die Innenschicht der Gefäße, was für eine höhere
Durchlässigkeit von Entzündungszellen sorge. Zugleich würden unter
anderem zwei Enzyme aktiv, die große Mengen freie Radikale bildeten -
das sind Molekülteilchen, die Zellen schädigen können. Bei der
Kontrollgruppe seien diese Effekte nicht aufgetreten.

Was heißt das für diejenigen, die von Fluglärm betroffen sind?

Die Forscher halten es für möglich, dass körperliches Training oder
Herzmedikamente wie etwa Blutdrucksenker in der Lage sind, die
Schäden einer solchen Gefäßfunktion durch Fluglärm zu korrigieren
oder künftige Schäden sogar zu verhindern. Das müsse aber noch
getestet werden, sagte Münzel. Das Wichtigste sei jedoch, Fluglärm zu
reduzieren.

Gab es früher schon Untersuchungen zu Fluglärm und Erkrankungen?

Die Mainzer Studie von 2013 - Vorläufer der neuen Untersuchung -
zeigte, dass sich die Gefäßschädigung durch Fluglärm mit Vitamin
C korrigieren lässt. Im gleichen Jahr ergaben Studien im Auftrag des
Umweltbundesamtes zum Nachtflugverkehr am Airport Köln/Bonn unter
anderem ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 2014
veröffentlichte die Mainzer Uniklinik eine Studie, nach der Fluglärm
bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung oder einem hohen Risiko
dafür zu deutlichen Gefäßschäden und erhöhtem Blutdruck führt.


Gibt es auch Studien, die zu einem anderen Schluss kommen?

2015 kam die Untersuchung NORAH (Noise-Related Annoyance, Cognition
and Health) im Auftrag des Landes Hessen heraus. Sie ergab: Fluglärm
erhöht das Depressionsrisiko, hat aber keinen Effekt auf den
Blutdruck, ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestehe eher
bei Bahnlärm.

Wer sind die Autoren der neuen Mainzer Studie?

Leiter Münzel forscht seit Jahren über den Zusammenhang von Fluglärm

und Erkrankungen. Er ist Betroffener des Lärms, der im Zuge neuer
Flugrouten und der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen
zugenommen hat. Münzel ist sehr aktiv im Kampf gegen Fluglärm.


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