Gramm statt Prozent: Mediziner fordert neue Alkohol-Angaben Von Joachim Mangler, dpa

Eine Flasche Bier und zwei Gläser Rotwein: Wie viel Alkohol hat man
damit getrunken? Mit den Angaben in Volumenprozent ist das schwer zu
berechnen, kritisiert ein Mediziner. Er fordert den Einsatz einer
anderen Maßeinheit.

Rostock (dpa) - Viele Menschen gehen davon aus, dass sie nach zwei
Bier oder zwei Gläsern Wein noch fahrtüchtig sind. «Weit gefehlt»,

sagt Gernot Rücker, Notfallmediziner an der Universitätsmedizin
Rostock. Ein Blick in seine Gramm-Tabelle zeigt, dass zwei Flaschen
Bier à 0,5 Liter bei einem 100-Kilo-Mann zu mehr als 0,5 Promille
führen. Zwei Gläser Rotwein mit zwölf Volumenprozent bringen eine
Frau von 60 Kilogramm Körpergewicht auf einen Wert von rund einem
Promille. Ein Promille Blutalkoholkonzentration (BAK) bedeutet, dass
ein Liter Blut einen Milliliter reinen Alkohol enthält.

Der bei alkoholischen Getränken übliche Wert in Volumenprozent gibt
an, wie viel Prozent des Gesamtvolumens auf reinen Alkohol (Ethanol)
entfallen. Zur Berechnung des Blutalkoholspiegels wird die
Alkoholmenge in Gramm benötigt - inzwischen gibt es dafür im Internet
zahlreiche Promille-Rechner.

Mit einer direkten Angabe der Alkoholmenge in Gramm wäre eine solche
Rechnung hingegen ganz einfach, sagt Rücker. Er fordert darum, dass
Alkoholmengen pro Flasche künftig so angegeben werden. Die
dazugehörigen Tabellenwerte seien leicht einzuprägen und blieben
konstant. Im Blick hat er besonders die Jugendlichen, vor allem sie
müssten wissen, was sie sich antun. «Und das geht mit Gramm-Angabe
und dem Wissen um die Tabellenwerte. In der Kneipe sitzen und einen
Dreisatz mit einer Unbekannten ausrechnen, ist doch unlogisch.»

«Jedes Jahr sterben rund 70 000 Menschen an den Folgen des
Alkoholkonsums, 5000 an akuter Alkoholvergiftung. Und fast ein
Drittel aller Straftaten und der Großteil der Vergewaltigungen
geschehen unter Alkoholeinfluss», erklärt Rücker. 2015 entzogen
deutsche Gerichte demnach knapp 50 000 Führerscheine nach
Promillefahrten.

«Ich habe viel Sympathie für alles, was dem Verbraucher einen
maßvollen Umgang mit Alkohol leichter macht», sagt die
Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, zu Rückers
Forderung. Angesichts der Zahl von fast zehn Millionen Menschen, die
mehr Alkohol trinken als ihrer Gesundheit guttäte, zeigt sie sich
eher skeptisch. Ob die Kennzeichnung wirklich einen Mehrwert bringe,
hänge von weiteren Zusatzinformationen auf der Verpackung zur
Berechnung abhängig von Geschlecht und Körpergewicht ab.

Der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie verweist auf
die Angaben, die die Hersteller auf die Etiketten drucken müssen.
Alle anderen für den Endverbraucher interessanten Informationen seien
auf der Webseite «massvoll-geniessen.de» zu finden. «Wir gehen davon

aus, dass sich die Konsumenten auch Off-Label umfassend informieren»,
betont Geschäftsführerin Angelika Wiesgen-Pick.

Rücker zweifelt daran. Jeder Deutsche trinkt nach Angaben der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Mittel knapp zehn
Liter Alkohol jährlich - in gängige Alkoholika wie Bier oder Wein
übersetzt etwa eine Badewanne voll. Die Menschen hätten verlernt, das
Genussmittel vom Rauschmittel zu unterscheiden, so der Mediziner.
«Wir haben kein Maß mehr.»

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