Studenten unter Stress - Gut die Hälfte spürt massiven Druck Von Werner Herpell, dpa

Tiermedizinerin an einer staatlichen Uni in Nordrhein-Westfalen - so
beschreibt ein neuer AOK-Report den typischen Stress-Studenten. Das
relaxte Gegenstück ist männlich und studiert Sport an einer privaten
Hochschule in Rheinland-Pfalz.

Berlin (dpa) - Durch Zeitdruck und Zukunftsängste fühlen sich
Studierende in Deutschland nach einer aktuellen Umfrage insgesamt
stärker unter Stress als Beschäftigte im Job. Studentinnen leiden
unter dieser Situation mehr als ihre männlichen Kommilitonen, an
staatlichen Hochschulen ist das Überforderungsgefühl höher als an den

privaten, und Bachelor-Studenten klagen darüber häufiger als die
schon reiferen Master-Kandidaten. Stress-Studienfach Nummer eins ist
Tiermedizin, am Ende der Skala stehen die Sportwissenschaften.

All dies geht aus einer am Dienstag in Berlin vorgestellten
Online-Befragung von mehr als 18 000 Teilnehmern hervor. Der
AOK-Bundesverband hatte Wissenschaftler der Universitäten Potsdam und
Hohenheim mit der bisher größten repräsentativen Erhebung zum
«Studi-Stress» beauftragt. «53 Prozent geben ein hohes Stresslevel
an», resümierte die Potsdamer Studienleiterin Prof. Uta Herbst. Eine
vergleichbare Erhebung aus dem vorigen Jahr habe gezeigt, dass der
Anteil der in der Arbeitswelt Beschäftigten mit hohem Stresslevel bei
«nur» 50 Prozent liege.

Ein Grund für das hohe Belastungsgefühl von Studenten sei die
«Bologna-Reform» von 1999 zur Schaffung eines einheitlichen
europäischen Hochschulraumes, die mit erhöhtem Prüfungsstress
einherging, so das Fazit der Experten. In Deutschland sei die
«Stressresilienz» (Widerstandsfähigkeit im Umgang mit Belastungen)
bei Studierenden wohl sehr gering ausgeprägt, sagte Herbst. Viele
junge Leute kämen heutzutage eher unselbstständig zur Uni, viele
plagten sich mit überhöhten Erwartungen an ihren Studienerfolg herum.

Differenziert nach Bundesländern, steht Nordrhein-Westfalen an der
Spitze der Stresswert-Tabelle, vor Sachsen-Anhalt, dem Saarland und
Sachsen. Offenkundig geht es in Bremen, Brandenburg, Bayern und
Rheinland-Pfalz für Studierende insgesamt ruhiger zu.

«An erster Stelle ist es hochschulbezogener Stress, der Studierenden
zu schaffen macht», bilanzierte der Hohenheimer Marketing-Professor
Markus Voeth. «Dazu zählen neben Vorbereitungszeiten auf Prüfungen
und dem Anfertigen der Abschlussarbeit die allgemeine
Arbeitsbelastung durch das Studium sowie der Stoffumfang in
Lehrveranstaltungen.» Weniger ins Gewicht fielen dagegen «bekannte
Stressoren des Alltags wie die Pflege von sozialen Kontakten oder die
ständige Erreichbarkeit durch die modernen Medien».

Kommt im Studium Stress auf, äußert sich dieser bei den Betroffenen
in unterschiedlicher Form: Am häufigsten wurden Schlafstörungen,
Konzentrationsschwierigkeiten sowie Lustlosigkeit genannt. Abhilfe
könne durch mehr Unterstützung von außen geschaffen werden, sagte
AOK-Vorstandschef Martin Litsch: «Die Hälfte der Studierenden wünscht

sich den Ausbau von Beratungsangeboten zur Stressbewältigung durch
die Hochschule und externe Organisationen.» Angesichts drohender
Gesundheitsprobleme durch Stress oder möglicher Suchtgefahren müssten
die Krankenkassen das Thema ernst nehmen, «es geht hier nicht nur um
Befindlichkeiten».

Die AOK-Studie stellte außerdem fest, dass Mehrfachbelastungen von
Studierenden nicht automatisch zu noch mehr Stress führen müssen.
Studenten mit einem Nebenjob seien «nicht mehr, teilweise sogar
weniger gestresst als Studenten, die sich ausschließlich aufs Lernen
fokussieren», hob Kassen-Vorstandschef Litsch hervor. Ähnliches gelte
für Studenten mit Kindern. Hier zeige sich offenbar, dass eine gute
«Work-Life-Balance» zwischen dem Studentenleben und der Ablenkung
durch andere Dinge durchaus stressreduzierend wirken könne.

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