Hodentumor - häufigste Krebsart bei jungen Männern Interview: Viktoria Spinrad, dpa
Radprofi Ivan Basso ist an Hodenkrebs erkrankt. Nach der
erschreckenden Diagnose stieg der 37 Jahre alte Italiener bei der
Tour de France aus. Die seltene Krebsart tritt gerade bei jüngeren
Männern auf.
Berlin (dpa) - Die Diagnose Hodenkrebs war für Radprofi Ivan Basso
ein Schock. Doch die Heilungschancen bei dieser Erkrankung sind nach
Aussagen des Urologen Prof. Klaus-Peter Dieckmann «insgesamt
exzellent». Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt die
Ursachen und erläutert die Behandlungsmethoden.
Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Fahrradfahren und
Hodenkrebs?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Fahrradfahren hat definitiv nichts
mit Hodenkrebs zu tun. Allerdings zeigt das Beispiel Ivan Basso: Bei
Radfahrern herrscht mit der Sturz- und Verletzungsgefahr eine höhere
Wahrscheinlichkeit, dass ein bestehender Hodenkrebs überhaupt erst
auffällt. Der Zusammenhang zwischen Radfahren und Hodenkrebs ist
ansonsten eher umgekehrt: Sport ist generell ein protektiver Faktor,
schützt also vor Krebs.
Frage: Welche Risikofaktoren gibt es für Hodenkrebs?
Antwort: Er tritt gehäuft in denselben Familien auf - hatte der Vater
Hodenkrebs, liegt das Risiko vier- bis sechsmal so hoch; beim Bruder
bereits sechs- bis zehnmal. Ein erhöhtes Risiko haben besonders
Männer mit einer Fehllage des Hodens: Bei einem angeborenen
Hodenhochstand ist der Hoden nicht in den Hodensack gewandert,
sondern in der Leiste hängengeblieben. Zudem haben Hodenkrebs und
Unfruchtbarkeit ähnliche Ursachen. Ein vierter Risikofaktor ist die
Größe: Männer über 1,95 Meter haben ein leicht erhöhtes Risiko, a
n
Hodenkrebs zu erkranken. Wir vermuten, dass das an einer
kalorienreichen Ernährung im frühkindlichen Alter liegt.
Frage: Wie weit verbreitet ist Hodenkrebs?
Antwort: Insgesamt gibt es in Deutschland jährlich etwa 4000 Fälle
von Hodenkrebs. Damit liegt Hodenkrebs unter allen Krebsarten nur an
elfter Stelle - Prostatakrebs ist im Mittel der häufigste Krebs.
Anders sieht es allerdings in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen aus:
Hier ist Hodenkrebs die mit Abstand häufigste Krebsart. Denn
Hodenkrebs hängt weniger mit dem Lifestyle als mit der erblichen
Vorbelastung zusammen. Vorstufen von Hodenkrebs bilden sich
wahrscheinlich bereits im Embryohoden und brechen dann meist nach
Abschluss der Pubertät aus.
Frage: Wie gut sind die Heilungschancen?
Antwort: Auch wenn die Prognosen stark mit dem Entwicklungsstadium
des Tumors variieren, sind die Heilungschancen insgesamt exzellent:
In über 95 Prozent der Fälle kann der Patient geheilt werden. Nur
wenn die Metastasen schon sehr weit fortgeschritten sind, gibt es
manchmal keine Rettung mehr. Nach einer Diagnose wird der gesamte
Hoden zunächst operativ entfernt, ansonsten müssen weitere Metastasen
in einer Chemotherapie zerstört werden. Nur in sehr seltenen
Ausnahmefällen kann organerhaltend operiert werden. Da sich gerade
junge Männer besonders in Sicherheit wiegen und selten zu
Vorsorgeuntersuchungen gehen, sind sie bei einer Diagnose zumeist wie
vom Blitz getroffen: Wie konnte mir das nur passieren?
ZUR PERSON: Professor Dr. Klaus-Peter Dieckmann, geboren 1950 in
Bremen, ist seit 1993 Chefarzt der Urologie am Albertinen-Krankenhaus
in Hamburg. Sein klinischer Schwerpunkt ist die Krebsbehandlung bei
urologischen Tumoren.
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