In der Drogenpolitik versanden viele Ideen Von Andrea Barthélémy, dpa

02.07.2014 16:16

Hohe Strafen für den Besitz von Hanfpflanzen, aber Alkohol zum
Taschengeld-Tarif: Experten haben am jährlichen Drogenbericht der
Bundesregierung einiges auszusetzen. Nun legen sie eine eigene
Untersuchung vor.

Berlin (dpa) - Für die Autoren des Ersten Alternativen Drogen- und
Suchtberichts läuft in der derzeitigen Drogenpolitik einiges falsch.
Einerseits drohen Strafanzeigen für den Besitz von drei Hanfpflanzen
zum Eigengebrauch, andererseits gibt es Alkoholwerbung, billigen
Selbstdreh-Tabak und laschen Jugendschutz.

«Wir verstehen uns nicht als Gegner des Drogenberichts der
Bundesregierung, der nächste Woche vorgestellt wird, sondern bieten
uns als Partner an», sagt der Mitautor und Suchtforscher Bernd Werse
vom Center for Drug Research der Goethe-Universität Frankfurt. Denn
viele erprobte Ansätze und Ideen gebe es bereits. «Aber wirksame
Maßnahmen werden nach der Erprobung oft nicht dauerhaft finanziert
oder aus politischen Gründen nicht eingeführt», beklagt die
Geschäftsführerin der Deutschen Aids-Hilfe Silke Klumb. Einige
Kernpunkte des Berichts:

ALKOHOL: Der Verbrauch stagniert in Deutschland auf hohem Niveau -
der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei rund zehn Litern pro Jahr. Mögliche
Hebel sind Jugendschutzgesetze bis hin zum Verbot von Alkohol am
Steuer. Den größten positiven Effekt haben nach Meinung der Autoren
aber Preiserhöhungen: Ein einheitlicher hoher Steuersatz für alle
Alkoholika spiele in den politischen Aktionsplänen jedoch kaum eine
Rolle.

TABAK: Obwohl jährlich mehr als 100 000 Menschen in Deutschland
vorzeitig durchs Rauchen sterben und weitere 3000 durchs
Passivrauchen, greift immer noch fast ein Drittel der Erwachsenen zur
Zigarette. Tabakwerbung sollte deshalb komplett verboten werden,
Sponsoring ebenfalls und die Tabaksteuern kontinuierlich und deutlich
steigen, fordern die Autoren.

CANNABIS: Entkriminalisierung des Eigenbedarfs, lautet hier das
Credo. Ein regulierter Cannabis-Markt, etwa durch Fachgeschäfte oder
Cannabis-Clubs und mit konsequentem Jugendschutz, spare viele
Millionen Euro. Statt für Strafanzeigen könne dieses Geld für
Prävention ausgegeben werden.

MEDIKAMENTE: Laut Bericht sind rund 1,2 Millionen Menschen in
Deutschland von Benzodiazepinen abhängig - in der Regel Schlafmittel
oder Psychopharmaka. Weitere bis zu 400 000 Bundesbürger schlucken
andere Pillen. Medikamentenabhängigkeit ist in Deutschland nach Tabak
damit die größte Sucht - noch vor Alkohol. Ein Problem haben vor
allem alte Menschen, die mehrere Arzneien gleichzeitig einnehmen. Die
Autoren kritisieren, dass bisherige Studien oft nur die Altersgruppe
bis 65 Jahre im Blick hätten.

FIXERSTUBEN: Sie gibt es nach Angaben der Deutschen Aids-Hilfe nur in
6 von 16 Bundesländern. Drogenabhängige können sich dort unter
hygienischen Bedingungen mit sauberem Spritzbesteck einen Schuss
setzen. Damit sollen Infektionen, die Verbreitung von HIV und ein
Zusammenbrechen nach Überdosen verhindert werden. Nach Einschätzung
der Aidshilfe gibt es dadurch weniger Todesfälle und auch weniger
hilflose Junkies im Umfeld der Drogenkonsumräume. Die Aids-Hilfe
kritisiert, dass die Räume rechtlich möglich sind - und trotz
positiver Erfahrungen nicht in allen Bundesländern existieren.