Prostatakrebs: Wie viel Biopsie muss sein? Von Andrea Barthélémy, dpa

13.04.2014 07:00

Prostatakrebs-Vorsorge? Da gruselt es die meisten Männer schon beim
Wort: Rektale Tastuntersuchung, rätselhafter PSA-Wert, und dann
drohen vielleicht noch Biopsien. Muss das eigentlich sein?

Berlin (dpa) - Prostatakrebs ist bei Deutschlands Männern der meist
verbreitete bösartige Tumor - und die dritthäufigste Krebstodesart.
Doch bei Vorsorge und Früherkennung kneifen viele Herren. Und Schuld
daran ist nicht nur die Scheu vor unangenehmen Untersuchungen. Auch
die Verfahren werden immer wieder diskutiert. So sorgt etwa der
Tumormarker PSA für manche Verwirrung, weil er eben nicht nur
gefährliche Entwicklungen anzeigt, sondern daneben auch harmlose
Tumore outet - und damit unnötige Ängste und Behandlungen auslösen
kann.

Denn entscheidet sich der Mann neben der Tastuntersuchung auch für
die PSA-Wert-Bestimmung und ist dieser Entzündungswert zu hoch, dann
werden vorsichtshalber Gewebeproben aus der Prostata entnommen.
Derzeit zehn bis zwölf pro Check. Der Flensburger Urologe Prof.
Tillmann Loch wirbt nun für ein Ultraschall-Verfahren, dass die Zahl
dieser Biopsien deutlich verringern könnte. Doch die
Urologen-Fachgesellschaft zieht nicht mit, weil größere Studien zur
computer- und datenbankgestützten Ultraschallanalyse fehlen.

Dabei sieht es aus Sicht von Tillmann Loch so einfach aus: «Es geht
darum, verdächtige Areale einzugrenzen und Gewebeproben deutlich
gezielter zu entnehmen als bisher.» Dazu gleichen Loch und Kollegen
die Ultraschallaufnahmen mit einer großen Datenbank von
Prostatakrebs-Fällen ab - und markieren vor dieser Maske diejenigen
Areale, die Gefahren bergen könnten. Nur sechs statt bis zu zwölf
Biopsie-Einstiche seien dann nötig, sagt Loch. Das spare auch viel
Geld. Mehr als hundert Praxen arbeiten in Deutschland bereits mit dem
C-Trus/Anna genannten Verfahren. Lochs Team hat zwar schon tausende
Ultraschallbilder untersucht, aber bislang erst die von 60 Patienten
in einer Studie ausgewertet.

Prof. Lothar Weißbach, Vorstand der Stiftung Männergesundheit und
früherer Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, hält diese Zahl
für zu klein. «Prostatakrebs ist ein ubiquitärer Krebs - er kommt
überall in der Prostata vor», sagt Weißbach. Der Urologe hält es be
i
der derzeitigen Datenlage deshalb für geboten, weiterhin zwölf
Biopsien pro Check zu machen.

Werden die Urologen dabei fündig, ist die nächste Frage, wie die
Behandlung weitergeht: Denn zumeist werden die extrem langsam
wachsenden Tumoren in einem frühen, lokal begrenzten Stadium erkannt,
und mehrere Therapiemethoden sind grundsätzlich möglich. Doch welche
verspricht den besten Erfolg? Das Spektrum reicht von engmaschiger
Beobachtung über Hormongabe, Bestrahlung bis zur operativen
Entfernung der Prostata.

Weißbach stellt Mitte April die Ergebnisse einer ersten großen, über

fünf Jahre laufenden Studie (Harow) mit 3300 Teilnehmern aus
Deutschland vor, die die Wirksamkeit der aktiven Überwachung
unterstreichen soll - das heißt: PSA-Wert, Tastbefund und
gegebenenfalls Biopsien im Vierteljahresabstand zeigen gute Erfolge.
«Derzeit dominiert die Operation als Methode der Wahl überwältigend,

aber das wird sich ändern», ist Weißbach überzeugt. Die
nicht-randomisierte Studie wurde jedoch von der Gazprom finanziert,
und rief deshalb auch schon Kritiker auf den Plan.

Auch die Deutsche Urologengesellschaft (DGU) macht sich deshalb
daran, die diversen Behandlungsansätze des Niedrig-Risiko-Karzinoms
langfristig zu evaluieren. Im Januar 2013 starteten sie die bislang
größte Studie zu Prostatakrebs (Prefere), die über 7000 Männer
einschließen und inklusive Nachsorge bis 2030 laufen soll. Bislang
sind aber erst 80 Patienten rekrutiert. «Wir sind mit dem Start
zufrieden», sagte Studienleiter Prof. Michael Stöckle jüngst. «Jetz
t
im zweiten Jahr müssen die Zahlen allerdings deutlich ansteigen.»