Zu Risiken und Krankheiten fragen Sie Ihre Medizin-App oder Dr.Google Von Sandra Trauner, dpa (Bild - Archiv)

15.04.2013 01:30

Dass Patienten ihre Krankheit googeln, ist ein alter Hut. Gut
informierte Patienten finden die meisten Ärzte sogar gut. Jetzt aber
drängen Diagnose-Apps für Smartphones auf den Markt.

Frankfurt/Berlin/Hannover (dpa) - Klingt ja erstmal praktisch: Ein
Tütchen aufs Handy stecken und pusten, ob man nach dem Zechen noch
fahren kann. Ein Foto vom Urinteststreifen schießen und das Display
verrät, ob es tatsächlich eine Blasenentzündung ist. Vom Bett aus die

Symptome eintippen und schon kommt die Diagnose: Grippe. Medizin-Apps
boomen. Aber viele sind Schrott, sagen Experten.

Beispiel Schwarzer Hautkrebs. Wer gefährdet ist, lässt Leberflecke
regelmäßig vom Arzt kontrollieren. Könnte diese «Blickdiagnose» n
icht
auch ein Kameraauge übernehmen? Mehrere Apps bieten genau das an.
Mittels Algorithmen wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass der
Fleck bösartig ist. «Eine Studie hat bewiesen, dass selbst die App
mit dem vermeintlich besten Erkennungserfolg nach dieser Methode
knapp ein Drittel der Testfälle falsch negativ klassifizierte», weiß

Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Bereits 2011 gab es laut Branchenverband Bitkom bereits 15 000
Gesundheits-Apps. Nur die wenigsten bieten echte medizinische Hilfen
wie Fieber- und Blutzuckermessen, Alkohol- oder Sehtests; meist
handelt es sich um Angebote wie Schrittzähler für Jogger oder
Trainingsprogramme mit Fitnessübungen. Auch wenn die Technik noch so
gut wäre: «Keine Diagnose-App kann das Expertenwissen, die Erfahrung,
das Einfühlungsvermögen eines guten Arztes ersetzen. Dazu ist eine
Maschine nicht in der Lage», sagt Albrecht.

Älter als Med-Apps fürs Smartphone sind Webseiten zur
Selbstdiagnose, zum Beispiel wie was-fehlt-mir.net oder washabich.de.
Infos zu Krankheiten bieten viele Portale, etwa krank-gesund.de oder
medicoconsult.de - die neuen Apps sind oft nur mobile Ableger der
alten Seiten. Hat sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient
dadurch verändert? Fachliteratur in der Unibibliothek nachgelesen hat
kaum einer - mal schnell seine Symptome googeln macht fast jeder.

Früher habe man in den Praxen mehr «von oben nach unten»
diskutiert, sagt Martin Leimbeck, Landarzt im mittelhessischen
Braunfels. «Das wandelt sich gerade.» Informierte Patienten findet
der Allgemeinmediziner gut. Problematisch werde es aber, wenn die
Leute mit angelesenem Halbwissen kämen. «Sie wissen ja nie: Ist das
alles korrekt, was da steht. Nehmen Sie zum Beispiel die Seiten der
Impfgegner. Sie wissen auch nicht: Wer schreibt das überhaupt? Ein
Selbsthilfe-Portal kann ein Werbeladen für die Pharmaindustrie sein.»

Anders liegt der Fall bei Fachärzten, die mit chronischen oder
lebensbedrohlichen Krankheiten zu tun haben, etwa Onkologen.
«Krebspatienten müssen so gut wie möglich informiert sein, um für
sich einen Weg durch die Krankheit zu finden», sagt Prof. Bernhard
Wörmann, Medizinischer Leiter der Deutschen Gesellschaft für
Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Er ist es gewohnt,
dass Patienten «mit halben Aktenordnern unter dem Arm» zu ihm in die
Charité kommen, aber es nervt ihn «kein bisschen» - im Gegenteil.

«Der Patient hat ein Recht darauf, alles zu wissen», findet die
Fachgesellschaft, die ein eigenes Info-Portal betreibt: «Onkopedia».
Dort werden medizinische Leitlinien eingestellt und parallel in eine
laienverständliche Sprache übersetzt. Das soll verhindern, dass man
beim Googeln auf unseriöse Seiten stößt. «Die Qualität lässt ga
nz oft
zu wünschen übrig und ganz viele Informationen sind nicht aktuell.»

Dass der Patient leichter an Infos kommt, kann auch den Arzt
weiterbringen, glaubt Mediziner und App-Experte Albrecht. «Der Arzt
ist mehr gefordert, er muss sich mit den Informationen der Patienten
aus dritten Quellen auseinandersetzen.» Früher habe sich der Patient
leichter der Autorität des Arztes unterworfen. Heute sei er - gerade
bei seltenen Krankheiten - oft selbst Experte. «Als junger Arzt habe
ich das bei einigen meiner Patienten sehr geschätzt.»


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