Gemeinsam stark: Familiengenossenschaft als Zukunftsmodell? Von Marc Strehler, dpa

26.02.2013 08:30

Die Idee: Firmen und Tagesmütter schließen sich für die
Kinderbetreuung zusammen. Bisher sind solche Familiengenossenschaften
sehr rar in Deutschland. Doch Experten sehen Potenzial.

Mannheim (dpa) - Genossenschaften sind aus verschiedenen Bereichen
der Wirtschaft bekannt: Klassisch aus dem Banken- oder Agrarsektor
etwa, zuletzt hatten auch Energiegenossenschaften Konjunktur. In
einem Bereich, der derzeit heiß diskutiert wird, sind sie dagegen
noch eine Ausnahme: bei der Kinderbetreuung. Erst nach und nach
werden hier Genossenschaften gegründet, der bundesweite Vorreiter
sitzt in der Rhein-Neckar-Region. «Man braucht einen langen Atem -
aber es lohnt sich auf jeden Fall», sagt dessen Geschäftsführerin
Dorothea Frey.

Ein Selbstläufer war auch die Familiengenossenschaft Rhein-Neckar
nicht. Bereits im Jahr 2006 wurde sie gegründet, nachdem eine
Gesetzesänderung solche Genossenschaften möglich gemacht hatte. Es
schlossen sich damals einige Tagesmütter und Unternehmen der Region
zusammen. «In den ersten Jahren mussten wir schon werben», erinnert
sich Frey an die Anfänge. Inzwischen ist die Genossenschaft
etabliert, sie zählt derzeit laut Frey etwa 50 Betreuungspersonen und
35 Unternehmen als investierende Mitglieder.

Die Genossenschaft hat die Aufgabe, die Mitarbeiter der
beteiligten Unternehmen bei Bedarf mit Betreuungsmöglichkeiten für
deren Kinder zu versorgen. Das Spektrum reicht von der Unterbringung
bei einer Tagesmutter über Ferienbetreuung bis hin zum Babysitter.
Dazu kam 2008 als weiteres Angebot die Hilfe bei der Pflege von
Angehörigen. Ein Trumpf des Genossenschaftsmodells ist laut Frey die
relativ große Flexibilität des Angebots. Außerdem gebe es den
Tagesmüttern eine stärkere Stimme gegenüber den Unternehmen.

Zu den Mitgliedern zählt zum Beispiel der Beltz-Verlag in Weinheim
bei Mannheim. Auch wenn der Verlag aktuell kein Mitarbeiterkind in
fester Betreuung über die Familiengenossenschaft hat, war der Schritt
richtig, sagt die zuständige Mitarbeiterin Nicole Häberlin. «Im
Verlag sind 90 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Das Thema
Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist daher sehr wichtig für uns.»
Das Unternehmen sehe sich mit in der Pflicht «gute Lösungen für die
Mitarbeiter zu finden.»

Neben der Familiengenossenschaft Rhein-Neckar gibt es bislang nur
zwei weitere bundesweit. Kürzlich hat sich im Münsterland eine
gegründet, auch die Apothekergenossenschaft Noweda unterhält eine.
Woran liegt diese Zurückhaltung, wo doch das Thema Kinderbetreuung
derzeit so im Blickpunkt steht? Zwar gibt es in Deutschland ab dem 1.
August einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder
im Alter von ein bis drei Jahren. Aber die Kitas platzen aus allen
Nähten.

Andreas Wieg vom Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband
(DGRV) verweist auf die Struktur solcher Genossenschaften. «Es ist
nicht immer leicht, die verschiedenen Interessen der Beteiligten
unter einen Hut zu kriegen», sagt er. Da das Modell noch recht jung
sei, gebe es noch keine Blaupause, die beliebig übertragbar wäre.

Auch die Mannheimer Geschäftsführerin Frey führt den Punkt der
unterschiedlichen Interessen an. Sie glaubt aber auch, dass das
Genossenschaftskonzept nicht überall die gleiche Akzeptanz hat. «Ich
stamme aus Südbaden, da ist das Genossenschaftsmodell weit
verbreitet», erzählt sie. Und: Nicht alle Behörden seien offen für

solche Initiativen, manche Kommunen sähen die Kinderbetreuung als ihr
ureigenstes Feld. «Das ist unser Gebiet, da kommt keiner rein», sei
eine Haltung, die es mitunter noch gebe, sagt Frey.

Die Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Uni
Münster, Professorin Theresia Theurl, glaubt, dass die skeptische
Haltung mancher Behörden «Anfangsgeplänkel» seien, die sich mit der

Zeit legen würden. Familiengenossenschaften hätten ein großes
Potenzial, ist die Wissenschaftlerin überzeugt. Dass es bislang so
wenige Gründungen gibt, führt sie auf die eher geringe Bekanntheit
des Genossenschaftsmodells, die oft notwendige Anschubfinanzierung
und die Tatsache zurück, dass es die Möglichkeit erst seit 2006 gebe.

Noch sei vieles Pionierarbeit in diesem Bereich. «Es ist sehr viel
Beharrlichkeit notwendig», sagt die Wissenschaftlerin. Sie glaubt
aber an die Zukunft des Modells. Das Thema Kinderbetreuung werde
gesellschaftspolitisch immer wichtiger und es gebe dort einen großen
Veränderungsdruck. «Und Genossenschaften sind mit ihrer innovativen
Stärke immer dort eine sehr gute Organisationsform, wo sich etwas
verändert», sagt Theurl.