Männersachen: Experten tagen zu Spermiencheck und Testosteronmangel Von Andrea Barthélémy, dpa
Vorsorgemuffel sind viele Männer immer noch. Dabei beschäftigen ihre
speziellen Leiden ein ganzes Fachgebiet der Medizin. In Berlin tagen
600 Experten zu aktuellen Aspekten der Männergesundheit.
Berlin (dpa) - Vom unerfüllten Kinderwunsch bis zum Herzinfarkt
durch Testosteronmangel: Männergesundheit in vielen Facetten steht
auf dem Europäischen Andrologenkongress in Berlin im Mittelpunkt. 600
Fachleute diskutieren dort noch bis zum Samstag über neue
Erkenntnisse und Therapieansätze - zum Beispiel bei künstlicher
Befruchtung. «Wenn eine Samenzelle in eine Eizelle injiziert werden
soll, kommt es darauf an, das vitalste Spermium zu finden», sagte
Tagungspräsident Prof. Andreas Meinhardt am Donnerstag. Ein
neuartiger Spermiencheck könnte dabei künftig helfen. Dieser und
weitere Schwerpunkte des Kongresses:
NEUER SPERMIENCHECK: Bislang wurden die Spermien vor der Injektion in
die Eizelle nur unter dem Mikroskop auf ihre Beweglichkeit hin
untersucht. Forscher aus Münster haben nun ein Verfahren entwickelt,
mit einem Raman-Spektrometer auch die Intaktheit der DNA-Stränge der
Samenzelle zu überprüfen. Dazu fixieren sie die quirlige Zelle mit
Hilfe mehrerer Laser ohne sie zu schädigen - und injizieren sie
anschließend in die Eizelle. «Wenn sich zeigt, dass die
Baby-Take-Home-Rate sich durch das neue Verfahren auch nur um wenige
Prozent erhöht, dann wird sich das schnell durchsetzen», glaubt
Meinhardt. Derzeit kommt nach 25 Prozent derartiger
Spermieninjektionen (ICSI-Verfahren) ein Baby zur Welt.
RISIKO SCHON IM MUTTERLEIB: Studien aus Finnland und Dänemark liefern
neue Hinweise darauf, dass ein zu niedriger Androgenspiegel im
Mutterleib bei männlichen Föten im späteren Leben Probleme bringen
kann: Gesundheit und Größe der Fortpflanzungsorgane können negativ
beeinflusst werden, möglicherweise droht erhöhtes Hodenkrebsrisiko.
«Die sensible Phase ist die 8. bis 15. Schwangerschaftswoche», sagt
Meinhardt. Die Studien deuten darauf hin, dass die wachsende Menge an
Umweltgiften wie Dioxine oder Bisphenole, die die Mutter
unwissentlich aufnimmt, dafür verantwortlich sind. «Wir können das
bislang aber nicht spezifizieren, ob die Menge oder vielleicht ein
spezieller Mix aus Wirkstoffen schuld daran sind.» Konkrete Hinweise
für Schwangere folgern deshalb nicht daraus.
GEFÄHRLICHER TESTOSTERONMANGEL BEI DICKEN: Dicke Männer haben zu
wenig Testosteron - und damit mittelbar ein höheres
Herzinfarktrisiko. Das zeigen neue Forschungsergebnisse. Durch
Fettleibigkeit entsteht häufig eine begrenzte Insulinresistenz, es
kommt zu erhöhten unterschwelligen Entzündungswerten. Dies wiederum
drosselt die Testosteronproduktion. «Wir kennen das vom hohen Fieber,
auch das wirkt sich negativ auf die Fruchtbarkeit aus», beschreibt
Meinhardt. Fehlt aber das anti-entzündlich wirkende Testosteron, wird
auch das Herz-Kreislauf-System anfälliger. «Die Wahrscheinlichkeit
für einen Herzinfarkt ist erhöht.»
UNFRUCHTBAR WARUM? Die Ursachen für Unfruchtbarkeit sind auch beim
Mann vielfältig - aber manche Gründe werden unterschätzt oder nicht
erkannt. So machen Infektionen und Entzündungen im Urogenitalbereich
immerhin ein Zehntel der Fertilitätsprobleme beim Mann aus, berichtet
Prof. Wolfgang Weidner, ebenfalls Tagungspräsident. Die
Samenzell-Produktion, aber auch die Durchgängigkeit der Samenwege und
die Fruchtbarkeit der einzelnen Spermien könnten dadurch leiden -
Hilfe verspricht eine spezielle Antibiotika-Therapie. Gute
Neuigkeiten auch für Männer mit Hoden-Krampfadern, der
zweithäufigsten Ursache für Unfruchtbarkeit. Studien untermauern,
dass eine Operation oft Erfolg - sprich: ein Baby - bringt.
HIV-POSITIV MIT KINDERWUNSCH: Erfreuliche Studienergebnisse aus
Gießen für Männer mit HIV, die sich ein Kind wünschen. Auch unter
retroviraler Therapie, die die Viruslast unter die Nachweisgrenze
senkt, ist die Fruchtbarkeit der Betroffenen offenbar nicht
eingeschränkt. «Sämtliche Samenparameter waren völlig normal»,
berichtet Androloge Weidner. 80 Prozent der Männer zwischen 18 und 52
Jahren in der untersuchten Kohorte hätten den Wunsch nach einem Kind
geäußert. «Früher dachten die Betroffenen nicht daran, angesichts d
er
längeren Lebenserwartung ist das jetzt anders.»
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