Ohne Ressentiments - Schafe helfen Psychiatrie-Patienten Von Martina Scheffler, dpa
Dass Delphine, Ponys oder Hunde kranken Menschen helfen können, ist
bekannt. Schafe dagegen sind etwas ungewöhnlichere Therapie-Tiere. In
Schleswig-Holstein muntern einige Lammböcke Psychiatrie-Patienten
auf.
Schleswig (dpa) - «In Zimmer 204 hat schon wieder ein Schaf
durchs Fenster geguckt!» Es sind nicht immer alltägliche Berichte,
die Henning Ohlen während der Visite zu hören bekommt. Ohlen ist
Leitender Oberarzt am Schlei-Klinikum FKSL in Schleswig, einer
Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit praktisch vor der
Haustüre Schafe weiden, wird manche Visite durch tierische Erlebnisse
bereichert. Seit einem halben Jahr befinden sich die Tiere auf früher
landwirtschaftlich genutzten Flächen auf dem Gelände des Klinikums.
Die Schafe gehören dem Tierpark Arche Warder südlich von
Rendsburg, der Heimat für mehr als 70 seltene Nutztierrassen ist. Die
Klinik war an die Arche herangetreten, da man sich vom Kontakt mit
den wolligen Viechern positive Auswirkungen auf die Patienten
versprach. Tiere seien ein «großes Thema» in seinem Fachgebiet, sagt
Ohlen, sie passten zu einer psychiatrischen Klinik. «Tiere sind immer
der Hit.» Wenn ein Tier auf der Station auftauche, etwa ein
«Gasthund», sei die Freude bei den Patienten groß. Besuche im
Tierheim seien beliebt, weil die Patienten «Gemeinsamkeiten im
Schicksal» sähen. «Wir hätten auch gerne Therapiehunde, aber die si
nd
wahnsinnig teuer.» Nun also Schafe.
«Eine harmonische Gruppe» stehe gerade auf der Wiese, erzählt
Carolin Reimertz von der Arche Warder. «Die, die schubsen, kommen
nicht hierher.» Walachenschafe, die ursprünglich aus der
slowakisch-rumänischen Ecke kommen, weiße gehörnte Heidschnucken,
Moorschnucken, ein Jakobsschaf und ein Tiroler Steinschaf haben es
sich im Schatten auf der saftigen Wiese am Klinikum gemütlich
gemacht. Es sind in diesem Jahr geborene Lammböcke, die Besucher
friedlich beschnuppern.
Von diesem Frieden profitieren die Patienten. «Es gibt
traumatisierte Frauen, die wollen nicht mit uns reden», berichtet
Ohlen. Bei Tieren tauten sie dagegen auf. «Sie meinen, Tiere täuschen
und enttäuschen nicht wie Menschen.» Für manche ist der Besuch auf
der Weide fast ein Event. In der Visite erfährt Oberarzt
Ohlen dann, dass ein Besuch bei den Schafen geplant ist, wo die Tiere
gerade sind oder wo sie schon wieder ins Fenster geguckt haben.
Für Ohlen ist die Schafweide «auf jeden Fall ein Erfolg». Er
könnte sich vorstellen, noch mehr Flächen für die Tiere zu öffnen.
«Auch die Kollegen sind begeistert. Das ist eine geräuschfreie
Rasenpflege.» Früher dröhnten die Aufsitzrasenmäher, «und 20 Mete
r
weiter führten wir Therapiegespräche». Schafe sind genau richtig,
sagt auch Florian Friedel, Geschäftsführer des Klinikums. «Wir
hatten zuerst überlegt, Ziegen zu nehmen, aber die können über die
Zäune springen. Und ein Esel ist sehr laut.»
Friedel ist zufrieden mit der Tierhaltung. «Da die Klinik zentral
in Schleswig gelegen ist, kommt man auch näher ran an die
Bevölkerung.» Denn da Schleswig über keinen Tierpark verfügt, locke
n
die Tiere auch Spaziergänger an. «Bürger mit Kindern kommen zum
Gucken», hat Inke Asmussen von der Öffentlichkeitsarbeit der Klinik
beobachtet. Das helfe, die Psychiatrie von ihrem Stigma zu befreien.
Im Mittelpunkt stehen aber die Patienten. In der Klinik für
forensische Psychiatrie, dort, wo «suchtkranke Rechtsbrecherinnen»
untergebracht sind - also Frauen, die bei Straftaten aufgrund ihrer
Sucht nur eingeschränkt schuldfähig waren - freut man sich besonders
über die Tiere. «Wenn die Frauen rausdürfen, kommen sie gerne zu den
Tieren», erzählt Asmussen. «Sie wollen ja Beziehungen aufbauen, und
Schafe haben keine Ressentiments.»
Wenn der Winter kommt, kehren die Schafe zunächst zur Arche Warder
zurück. Dann wird entschieden, ob sie im Frühjahr wiederkommen. Bei
der Arche zeigt man sich ebenso wie die Klinik zuversichtlich. «Das
ist ein gutes Projekt, weil man den Kranken hilft», sagt Lisa Iwon
von der Arche. Für die Arche ist es die einzige derartige
Kooperation. Auch beim Schleiklinikum kennt man kein anderes
Krankenhaus mit eigener kleiner Herde, was auch daran liegt, dass nur
wenige über die nötigen Flächen verfügen. Iwon jedenfalls geht davo
n
aus, dass im Frühling wohl wieder kuschlige Rasenmäher auf der
Klinikwiese weiden werden.
# dpa-Notizblock
## Internet
- [Schlei-Klinikum FKSL]( http://dpaq.de/BsNyQ)
- [Arche Warder](http://dpaq.de/WBRGf)
## Orte
- [Schlei-Klinikum FKSL](Am Damm 1, 24837 Schleswig)
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