Hilfe für Sterbenskranke: Deutschland hinkt hinterher Interview: Ulrike von Leszczynski, dpa

14.07.2010 09:30

Berlin (dpa) - Wenn es um Hilfs- und Pflegeangebote für
Sterbende geht, kommt Deutschland in einer internationalen Studie nur
auf den achten Platz. Am besten schneidet Großbritannien ab, auch
Belgien, die Niederlande und Österreich liegen vorn. Woran liegt das?
Birgit Weihrauch, Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und
Palliativverbandes, schildert der Nachrichtenagentur dpa ihre
Erfahrungen aus der Praxis:

Die meisten Menschen in Deutschland möchten in Ruhe zu Hause sterben.
Warum geht dieser Wunsch oft nicht in Erfüllung?

Weihrauch: Die Versorgung sterbender Menschen ist in der
Vergangenheit zum großen Teil auf Krankenhäuser verlagert worden.
Vielfach gilt noch das Grundverständnis, dass Medizin heilen muss.
Bei Ärzten und auch in der Gesellschaft ist es ein Prozess, sich
einzugestehen, dass man Schwerstkranke auch mit moderner Medizin
nicht mehr heilen kann. Für einen Krebskranken im Endstadium ist zum
Beispiel eine Chemotherapie nicht mehr sinnvoll, sie belastet ihn oft
eher. Wir brauchen da einen Bewusstseinswandel in der Medizin und in
der Bevölkerung. Das neue Verständnis und eine andere Kultur im
Umgang mit Sterbenden sind noch längst nicht ausreichend verankert.
Hospizbewegung und Palliativmedizin haben schon sehr viel erreicht.
Diese Veränderung in den Köpfen muss aber weitergehen.

Was ist für Menschen in der letzten Lebensphase am besten?

Weihrauch: Entscheidend ist, die Wünsche der Patienten zu kennen und
sie in den Mittelpunkt zu stellen. Wir müssen auch die Angehörigen
miteinbeziehen und sie begleiten. Viele Sterbende benötigen einen
umfassenden Ansatz, bei dem im besten Fall Ärzte, Pflegedienste,
Psychologen, Sozialarbeiter, Seelsorger und Apotheker koordiniert
zusammenarbeiten. Das kann ambulant zu Hause oder auch stationär in
Hospizen und Palliativstationen geschehen. Eine wichtige Rolle
spielen dabei auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter der ambulanten
Hospizdienste. Denn ganz wichtig ist der Faktor Zeit. Auch ein Arzt
braucht bei einem Hausbesuch bei einem Sterbenden viel mehr Zeit als
zum Beispiel bei einem Patienten mit einer Angina. Er muss für diesen
Einsatz besser bezahlt werden. Das wird er aber oft nicht.

Gibt es zu viele Lücken in den Gesetzen, die eine gute
Versorgung in den letzten Tagen erschweren?

Weihrauch: In Deutschland hat der Gesetzgeber in den vergangenen
Jahren unglaublich viel Positives in Bewegung gesetzt. Seit 2007 gibt
es einen Rechtsanspruch auf die sogenannte spezialisierte ambulante
Palliativversorgung. Sie ermöglicht das Sterben zu Hause. Seit 2009
wird Hospizarbeit, ambulant wie stationär, viel besser finanziert.
Früher mussten Patienten im stationären Hospiz im Monat bis zu 1500
Euro im Monat selbst bezahlen, diese Eigenbeteiligung fällt jetzt
weg. Im Studium ist Palliativmedizin heute Lehr- und Prüfungsfach.
2009 wurde auch das Gesetz über Patientenverfügungen verabschiedet.
Zum Teil beginnen die Gesetze aber jetzt erst zu greifen

Warum dauert es so lange?

Weihrauch: Es ist äußerst mühsam, die entsprechenden Verträge für

eine bessere Versorgung der Betroffenen zu Hause auszuhandeln. In der
Realität steht erst weniger als ein Drittel der Vereinbarungen
zwischen Krankenkassen und den neuen Palliativteams. Wir haben also
noch lange keine flächendeckende Versorgung. In dünn besiedelten
Regionen liegt dabei die größte Aufgabe vor uns. Wenn sich schon kein
Landarzt findet, ist zu befürchten, dass es mit der
Palliativversorgung noch schwieriger wird.

Sind Pflegeeinrichtungen wie Altenheime, in denen auch viele Menschen
sterben, auf die neuen Ansätze eingestellt?

Weihrauch: Leider oft noch nicht. Es gibt noch sehr viel zu tun, um
Palliativkompetenz und Hospizkultur dort zu integrieren. Das fängt
zum Beispiel damit an, Senioren bei der Aufnahme nach ihren Wünschen
oder nach einer Patientenverfügung zu fragen. Wollen sie zum Beispiel
künstliche Ernährung oder nicht? Die Einrichtungen sollten sich auch
stärker vernetzen und etwa mit einem ambulanten Hospizdienst
zusammenarbeiten. Doch dafür müssten sie sich öffnen.

# dpa-Notizblock

## Redaktionelle Hinweise
- Der Basisdienst hat eine Meldung und ein Korrespondentenbericht
zur Studie über die Palliativversorgung in 40 Ländern gesendet.

## Internet
- [Hospizverband](www.hospiz.net)
- [internationale Palliativstudie](http://www.lienfoundation.og/)

## Orte
- [Hospizverband](Aachener Str. 5 10713 Berlin)