«Auf Gedeih und Verderb»: Geschwister im Lockdown Von Sandra Trauner, dpa

09.04.2021 04:21

Aus dem Weg gehen ist nicht: Geschwister müssen im Lockdown viel Zeit
miteinander verbringen. Das kann oft zu Streit führen. Aber auch
zusammenschweißen.

Frankfurt/Main (dpa) - Seit Beginn der Corona-Pandemie sitzen
Geschwister enger aufeinander als je zuvor. Bei geschlossenen
Schulen, ohne Sport, Freunde und andere Aktivitäten außer Haus wird
das Verhältnis in vielen Familien hart auf die Probe gestellt. Wie
hat sich das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern seither
verändert? Und bleibt das jetzt so?

Sonja Rohrmann lehrt differentielle Psychologie und psychologische
Diagnostik an der Frankfurter Goethe-Universität. Zum Verhältnis von
Geschwistern zueinander zitiert sie den Dichter Kurt Tucholsky:
«Entweder sie sind auf dem Kriegspfad, oder sie rauchen die
Friedenspfeife.» In Ausnahmezeiten wie im pandemiebedingten Lockdown
sei beides möglich: Geschwister könnten besonders viel streiten, aber
auch zusammenwachsen, sagt Rohrmann vor dem «Tag der Geschwister» am
10. April.

Was von beidem zutreffe hänge von verschiedenen Faktoren ab, erklärt
die Psychologin: etwa dem Altersunterschied, der Persönlichkeit der
Kinder, aber auch von der häuslichen Situation und wie es den Eltern
in diesen für alle belastenden Monaten geht. In der Corona-Pandemie
sei vermutlich der Kriegspfad häufiger. «Die Kinder haben viel Frust
und Frust schafft Aggression. Den Ärger leben sie bei den Menschen
aus, wo sie es sich am ehesten leisten können. Geschwister bekommen
die volle Breitseite ab, weil man weiß: Die verliert man nicht.»

Trotz des hohen Konfliktpotenzials schafften es manche aber trotzdem,
in Krisenzeiten besonders harmonisch miteinander umzugehen, glaubt
Rohrmann, die selbst zwei Töchter hat. Sie entwickelten neue
gemeinsame Interessen, nähmen sich stärker wahr und merkten, «dass
der andere ein ganz wertvoller Partner ist in dieser schwierigen
Situation».

In Deutschland wächst die Mehrheit der Kinder mit Geschwistern auf.
2019 lebten laut Statistischem Bundesamt 82 Prozent aller
Zehnjährigen mit einem Bruder oder einer Schwester in einem Haushalt.
Die Quote ist seit langem weitgehend konstant: Seit Mitte der 1990er
Jahre hat sich der Anteil der Geschwisterkinder nicht verändert. Auch
eine Auswertung des Mikrozensus ergab, dass der Anteil der
Einzelkinder in Deutschland nicht wächst.

«Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte»,
sagt Rohrmann. «Dass die Geschwister auf Gedeih und Verderb einander
ausgeliefert sind.» Anders als Freundschaften könne man eine
Geschwisterbeziehung nicht aufkündigen, schon gar nicht in einer
Zeit, in der man kaum die Wohnung verlassen kann.

Als Faustregel gelte: Je größer der Altersunterschied, desto seltener
seien Konflikte, «weil die Kinder nicht mehr so verbunden sind: Sie
leben in eigenen Welten und da gibt es weder ein Miteinander noch ein
Gegeneinander». Je geringer der Altersabstand, desto intensiver sei
die Beziehung - wobei «intensiver» beides heißen kann: «Es kann
harmonischer sein, aber auch rivalisierender.»

Am entspanntesten sei oft das Verhältnis zwischen gemischten
Geschlechtern, zitiert Rohrmann aktuelle Forschungsergebnisse. «Am
harmonischsten ist die Kombination großer Bruder, kleine Schwester,
bei drei bis vier Jahren Altersunterschied.»

Ein entscheidender Faktor, wie die Geschwister miteinander auskommen,
seien die Eltern, sagt Rohrmann. Wenn Eltern dauernd Vergleiche
anstellten («Schau mal, wie brav Deine Schwester ist» oder «Guck
doch, wie gut Dein Bruder das macht»), dann schüre das die Rivalität

zwischen den Kindern. Besser sei es, die Individualität der Kinder
wahrzunehmen und zu stärken.

Falls sich im Lockdown das Verhältnis der Kinder verschlechtert hat,
müssen sich Eltern keine Sorgen machen, beruhigt Rohrmann: «Wenn der
Alltag wieder einkehrt, wird sich das normalisieren», glaubt sie.
Corona sei eine vorübergehende Ausnahmesituation. Die Erlebnisse in
dieser Zeit seien nicht längerfristig prägend, anders als zum
Beispiel eine Trennung der Eltern.