Ernüchterung bei der Entwicklung von Corona-Medikamenten Von Sabine Dobel, dpa

03.04.2021 05:21

Ärzten fehlt es noch immer an wirksamen Medikamenten gegen Corona.
Dabei wird auf Hochtouren an Arzneimitteln geforscht. Ein Überblick
zu Hoffnungsträgern und Flops.

München (dpa) - Die dritte Corona-Welle rollt über Deutschland
hinweg. Während im Rekordtempo gleich mehrere Impfstoffe zugelassen
wurden, fehlt es Ärzten noch immer an wirksamen Medikamenten zur
Behandlung ihrer Patienten - trotz weltweit mit Milliardensummen
unterstützter Forschung an Arzneimitteln gegen Corona.

Derzeit würden rund 400 verschiedene Substanzen auf Wirksamkeit gegen
Sars-CoV-2 untersucht, sagt Stefan Kluge, Koordinator der
Behandlungsleitlinien der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung
für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Bisher aber habe es bei fast
allen Studien negative Ergebnisse gegeben.

Zuletzt sei bei der Entwicklung von Arzneien «ein bisschen
Ernüchterung» eingetreten, sagt auch der Infektiologe Clemens
Wendtner von der München Klinik. Hoffnungen ruhen etwa noch auf
synthetisch hergestellten Antikörpern, die das Virus im Körper auße
r
Gefecht setzen sollen. Doch die Erwartungen sind inzwischen gedämpft.
Auch eine Reihe sogenannter antiviraler Substanzen wird untersucht.
Bisher fehlt aber ein Mittel, das das Virus spezifisch bekämpft.

Bei Klinik-Patienten wird bislang vor allem das entzündungshemmende
und lange bekannte Kortikoid Dexamethason eingesetzt. Es soll eine
überschießende Immunreaktion bremsen, die bei Covid häufig auftritt,

und gehört zu den laut nationaler Leitlinie empfohlenen Medikamenten.

Auch andere anti-entzündliche Wirkstoffe werden untersucht. In
absehbarer Zeit zugelassen werden könnte der bisher gegen
rheumatische Arthritis eingesetzte Wirkstoff Tocilizumab. Zudem
greifen Ärzte zu erprobten Arzneien, die je nach Verlauf bei
bestimmten Komplikationen schützen. Oft bekommen Klinik-Patienten
Blutverdünner - denn Covid-19 erhöht die Gefahr von Thrombosen,
Infarkten und Schlaganfällen.

Wegen der Gefahr einer zusätzlichen bakteriellen Infektion werden
häufig auch Antibiotika verabreicht. Doch diese seien gegen das Virus
wirkungslos und nur in bestimmten Fällen sinnvoll, mahnt Kluge, der
auch Chef der Intensivmedizin am Hamburger Universitätsklinikum
Eppendorf ist. Weltweit sei der Antibiotika-Verbrauch mit der
Pandemie rasant gestiegen - das werde unter anderem zu weiteren
Resistenzen führen. «Antibiotika haben bei Covid-19 primär nichts zu

suchen. Da muss man sehr kritisch hingucken.»

Dass überhaupt ein rundum wirksames Heilmittel gegen Covid-19
gefunden wird, gilt als unwahrscheinlich. «Wir werden nichts finden,
was die derzeitige Sterblichkeit von 20 bis 30 Prozent auf der
Intensivstation auf 0 Prozent reduziert», sagt Kluge.

Bei Grippe und anderen Viruskrankheiten fehlen direkte Heilmittel bis
heute. «Es gibt auch bei anderen respiratorischen Viren nur bedingt
wirksame Therapie-Optionen», sagt Christoph Spinner, Oberarzt
Infektiologie und Pandemiebeauftragter des Klinikums rechts der Isar
der Technischen Universität München (TUM).

«Das dürfte vor allem daran liegen, dass bei den respiratorischen
Erkrankungen nur ein frühes Fenster für die antiviralen Ansätze
bleibt, während dann bei den komplizierten späten Erkrankungsphasen
mehr immunologische Therapien erforderlich sind.» Dexamathason senke
die Sterblichkeit zwar signifikant, aber nicht auf Null. «Daher macht
die Verhinderung der schweren Infektion durch Impfung einfach am
meisten Sinn.»

In mehreren Kliniken in Deutschland werden derzeit synthetisch
hergestellte Antikörper erprobt: Bamlanivimab sowie REGN-COV2, das
auch Ex-Präsident Donald Trump bekam. Trotz bisher schlechter
Studienlage und mangelnder Empfehlung dafür hatte sich die
Bundesregierung von beiden Medikamenten 200 000 Dosen für rund 400
Millionen Euro gesichert.

Sie liegen nun im Schrank, wie Mediziner berichten. Von 100
therapeutischen Bamlanivimab-Einheiten sei an der München Klinik bis
Anfang März nur eine Einzige verwendet worden, in anderen Kliniken
gebe es ähnliche Erfahrungen, sagt Wendtner. «Das ist nicht der
Blockbuster, der ständig aus dem Apotheken-Schrank gezogen wird.»

Das Mittel dürfen Ärzte in Deutschland nur in der Klinik ausgewählten

Patienten in der Frühphase verabreichen. Werde es zu spät gegeben,
könnte der Körper schon eigene Antikörper gebildet haben, sagt
Wendtner. «Das Medikament kann dann eine schwere Immunreaktion
auslösen bis zum allergischen Schock.»

In den USA heißt es mittlerweile von Behördenseite, dass Bamlanivimab

als alleiniger Antikörper nicht mehr eingesetzt werden soll, weil er
gegen viele Corona-Varianten nicht helfe. Experten des RKI schrieben
andererseits erst kürzlich mit Verweis auf Laborexperimente, dass
Bamlanivimab bei der mittlerweile in Deutschland dominierenden
Variante B.1.1.7 wirksam sei.

Auch sogenanntes Rekonvaleszentenplasma - aus dem Blut von Genesenen
gewonnene Antikörper - wird in Deutschland weiter erprobt. Der
Wirkmechanismus ist vergleichbar mit dem synthetischer Antikörper.
Bundesweit hatten Universitätskliniken schon vor einem Jahr
Corona-Genesene um Blutplasma-Spenden gebeten. Die Aussagen zur
Wirksamkeit seien allerdings «heterogen», sagt Spinner vom Klinikum
rechts der Isar.

Geforscht wird auch an Medikamenten, die eine Zerstörung der Lunge
verhindern. Dabei geht es etwa um sogenannte mesenchymale
Stammzellen. Sie werden aus Nabelschnurgewebe gewonnen, sind
Vorläufer für verschiedene Zelltypen im Körper - und könnten nach
ersten Studien schwer erkrankten Corona-Patienten helfen. Sie sollen
Lungengewebe schützen oder regenerieren.

Vor Monaten wurde die Zulassung des ursprüngliche gegen das
Ebola-Virus entwickelten Remdesivir als Meilenstein gefeiert. Das
Mittel kommt nun kaum zum Einsatz, wie Ärzte übereinstimmend
berichten. Als nicht wirksam und teils sogar kontraindiziert erwies
sich das Malaria-Medikament Chloroquin. Trump hatte dieses zu Beginn
der Pandemie als Wunderwaffe und «Geschenk Gottes» gepriesen. Die FDA
erteilte dem Mittel die Notfallzulassung - die schon nach einigen
Wochen wieder zurückgezogen wurde.

Inzwischen erwies sich auch das Anti-Wurmmittel Ivermectin als Flop.
Vor allem in Lateinamerika kauften die Menschen nach Berichten über
angebliche Erfolge bei der Covid-Behandlung die Regale leer - doch
eine klinische Studie ergab kürzlich keine Wirksamkeit bei Corona.