Anonyme Alkoholiker spüren mehr Nachfrage in Corona-Krise

27.03.2021 05:00

Für viele Alkoholiker sind Gespräche mit anderen Betroffenen ein
wichtiger Baustein, um trocken zu werden oder trocken zu bleiben.
Dass die Treffen der Anonymen Alkoholiker vielfach nun im Internet
stattfinden, vereinfacht den Zugang.

Gottfrieding (dpa) - In Zeiten der Pandemie haben auch die Anonymen
Alkoholiker (AA) ihre Treffen teilweise in das Internet verlegt. Das
senkt die Hemmschwelle, sich zu beteiligen, wie ein Sprecher der
bundesweit agierenden Selbsthilfegruppe sagt. Zwar gebe es keine
konkreten Zahlen, weil keine Mitgliederlisten geführt werden, jedoch
sei ein Zulauf spürbar. Insbesondere mehr junge Menschen nähmen an
den Online-Treffen teil.

Bundesweit gibt es zurzeit den Angaben nach mindestens 260 Gruppen
der Anonymen Alkoholiker, die sich per Videoschalten treffen. Einige
weitere können - je nach regionalen Corona-Vorschriften - noch
persönlich zusammenkommen. Vor der Pandemie gab es etwa 1800 Gruppen
der Anonymen Alkoholiker und geschätzt 20 000 Betroffene, die die
Angebote nutzten.

Die Online-Treffen hätten einen großen Nachteil, sagt der Sprecher.
«Ein solches Meeting ersetzt nicht wirklich ein persönliches Treffen.
Das ist klar.» Deswegen sollen nach der Pandemie wieder mehr
Präsenzveranstaltungen angeboten werden. Jedoch sieht er auch zwei
positive Effekte: «Wir sind viel erreichbarer geworden.»
Interessenten könnten quasi von überall aus in einer beliebigen Stadt
zu unterschiedlichen Zeiten an einem Treffen teilnehmen.

Das erleichtere es gerade Menschen auf dem Land, die eine schlechte
Verkehrsanbindung haben, oder Gehbehinderten, die Anonymen
Alkoholiker zu besuchen. Gerade unter den Anonymen Alkoholikern gebe
es ja auch Leute, die keinen Führerschein oder kein Auto hätten, sagt
der Sprecher. Sie könnten nun vom Computer oder Handy aus teilnehmen.

Der zweite Vorteil der Videotreffen sei der niedrigschwellige
Eintritt. «Ich muss nicht aufstehen und wohin fahren und mich von
Angesicht zu Angesicht zeigen.» Außerdem könne man ein Onlinemeeting

schnell wieder verlassen. «Ich kann mich reinklicken und wenn ich das
Gefühl habe, ich halte es nicht mehr aus, drücke ich auf den Knopf.»


Dass Menschen an Videoschalten teilnehmen und ihr Gesicht nicht
zeigen, sei nicht gerne gesehen, sagt der Sprecher, der selbst nach
eigenen Angaben seit 40 Jahren trocken ist. Dann könnte es leicht
Missbrauch geben, Leute könnten sich die Treffen anschauen und Unfug
machen. Die Betroffenen, die emotional vielleicht gerade stark
belastet sind, würden dadurch gestört werden.

Ganz grundsätzlich sei die Teilnehmerzahl in den vergangenen Jahren
eher rückläufig gewesen. «Ich habe den Eindruck, wir wachsen jetzt.
»
Dass die Menschen in der Pandemie wesentlich mehr trinken, denkt der
Sprecher nicht. «Gesoffen wird mit und ohne Corona.» Nun seien eben
die Kneipe und die Pizzeria geschlossen und die Leute kauften sich
Alkohol im Supermarkt.

Das Arbeiten im Homeoffice könne für Trinker Vor- und Nachteile
haben. In manchen Betrieben sei es üblich, dass sich Mitarbeiter «um
9 Uhr mal ein Fläschchen aufmachen». Die Ehefrau beispielsweise sehe
nur, was der Mann abends zu Hause trinkt. «Im Homeoffice steht die
Frau nun quasi hinter ihm und er kann nicht mehr trinken.» Es gebe
aber auch die Menschen, bei denen Alkohol während der Arbeitszeit
nicht möglich ist, und die nun alleine zuhause an ihrem Schreibtisch
sitzen und niemand kriegt das mit. Da fehle das Korrektiv.