Expertenkommission berichtet über Corona-Krisenmanagement in Ischgl

12.10.2020 05:00

Tausende Urlauber sollen sich im österreichischen Ischgl mit dem
Coronavirus infiziert haben. Eine Experten-Kommission hat nun das
Krisen-Management unter die Lupe genommen.

Innsbruck (dpa) - Sieben Monate nach dem umstrittenen
Corona-Krisenmanagement im österreichischen Ischgl wird am Montag
(13.00 Uhr) mit Spannung der Bericht einer unabhängigen
Expertenkommission zu möglichen Fehlern erwartet. Die Kommission hat
für den Bericht insgesamt 53 Menschen befragt, darunter Betroffene,
Vertreter der Seilbahn- und der Tourismuswirtschaft sowie
Verantwortliche auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene. Der
1600-Einwohner-Ort in Tirol gilt nicht zuletzt wegen der dortigen
Feiern beim Après-Ski als einer der Hotspots bei der Verbreitung des
Coronavirus in Teilen Europas. Auch viele deutsche Gäste steckten
sich hier an.

Aus Sicht der Kritiker erfolgten die Maßnahmen wie die Schließung
von Bars, des Skigebiets und schließlich die Quarantäne über das
gesamte Paznauntal am 13. März zu spät. Jüngste Recherchen von ORF
und dem Nachrichtenmagazin «Profil» wiesen auf Indizien hin, dass
Verantwortliche früher als bisher bekannt von der Gefahr wussten. Das
Land Tirol hat diese Behauptungen stets vehement zurückgewiesen. Der
Ischgler Bürgermeister Werner Kurz betonte in einem Interview mit der
Zeitung «Kurier» (Samstag), dass die Gemeinde «alles nach bestem
Wissen und Gewissen umgesetzt» habe, was die Behörden vorgegeben
hätten.

In Ischgl war am 7. März ein Barkeeper im «Kitzloch» positiv getestet

worden. Am nächsten Tag wurde bekannt, dass 14 erkrankte Isländer im
«Kitzloch» zu Gast waren und sich drei weitere in Tirol positiv
getestete Personen in Ischgl aufgehalten hatten. Die Bar wurde am 9.
März behördlich gesperrt. Am Tag darauf wurden alle Après-Ski-Lokale

im Ort geschlossen. Außerdem wurde das Ende der Skisaison verfügt.
Am 13. März wurde das Tal, in dem sich etwa 8000 Urlauber aufhielten,
unter Quarantäne gestellt. Noch bevor die Behörden die Abreise der
ausländischen Touristen kontrollierten, verließen viele Gäste die
betroffenen Ortschaften. Das Ausmaß der Verbreitung des Virus in
Ischgl machte im Juni eine Studie der Medizinischen Universität
Innsbruck klar. Danach hatten 42,2 Prozent der Ischgler Bevölkerung
Antikörper, ein weltweiter Spitzenwert.

Bei einem Verbraucherschutzverein, der die Interessen der
Geschädigten vertreten will, haben sich inzwischen mehr als 6000
Tirol-Urlauber aus 45 Staaten gemeldet. Tausende Corona-Infektionen
in Europa sollen auf Menschen, die in Tirol Urlaub gemacht haben,
zurückzuführen sein. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt zudem
gegen vier Verdächtige wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger
Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten.

Die Experten-Kommission hatte nicht den Auftrag, strafrechtliche
Ermittlungen vorzunehmen oder über Schadenersatzansprüche von
Geschädigten zu entscheiden.