Anstieg der Neuinfektionen: Bundeswehr soll in Stuttgart helfen

11.10.2020 19:22

Die Lage in den beiden baden-württembergischen Corona-Hotspots
Stuttgart und Kreis Esslingen hat sich weiter zugespitzt. Die Politik
appelliert eindringlich an die Bürger. Sie verschärft aber auch die
Auflagen und macht deutlich: die Situation ist ernst.

Stuttgart (dpa/lsw) - Weil die Zahl der neuen Corona-Infektionen im
Kreis Esslingen und auch in Stuttgart weiter gestiegen ist,
verschärft die Politik die Einschränkungen und spricht von einer
dramatischen Lage. In der Landeshauptstadt treten von diesem Mittwoch
an um Mitternacht strengere Regeln in Kraft. «Wir müssen jetzt
entschieden handeln, um die Zahl der Neuinfektionen sofort wieder
runter zu bekommen», sagte Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn
(Grüne) am Sonntag.

Nach der am Sonntagabend vom Landesgesundheitsamt veröffentlichten
jüngsten Statistik liegt die wichtige Zahl der Neuinfektionen pro
100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage im Kreis
Esslingen bei 74,4, in Stuttgart bei 55,8. Bei einem Wert über 50
werden Auflagen verschärft. An Sonntagen wie auch an Montagen sind
die gemeldeten Fallzahlen allerdings erfahrungsgemäß meist niedriger,
auch weil am Wochenende nicht alle Gesundheitsämter Daten an das
Robert Koch-Institut (RKI) melden.

Kuhn kündigte an, die ganze Stadtverwaltung zu mobilisieren, um das
Gesundheitsamt zu unterstützen. Auch die Hilfe der Bundeswehr wurde
erbeten, um Kontaktpersonen im Zuge der Corona-Pandemie besser
verfolgen zu können. «Die Zahlen steigen auf besorgniserregende Weise
an, und zwar so stark, dass das Gesundheitsamt die für die Kontrolle
der Pandemie so wichtige Kontaktpersonennachverfolgung nicht mehr
gewährleisten kann», sagte der Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts
Stefan Ehehalt.

Um die Zahl der Neuinfektionen in den Griff zu bekommen, setzt die
Stadt eine ganze Reihe neuer Maßnahmen durch. So sollen bei privaten
Feiern nur noch zehn Teilnehmer erlaubt sein, in öffentlichen und
angemieteten Räumen seien dann noch 25 erlaubt, teilte ein Sprecher
der Stadt am Sonntag mit. Illegale Party sollen durch mehr Kontrollen
verhindert werden.

In der Innenstadt wird eine Maskenpflicht gelten. Der Verkauf von
Alkohol soll auf bestimmten Plätzen ab 21 Uhr, der Konsum ab 23 Uhr
verboten werden. Die betroffenen Plätze sollen vom Amt für
öffentliche Ordnung noch bestimmt werden. Diese Beschränkungen gelten
laut Stadt für zunächst zwei Wochen. Eine Sperrstunde für
Gastronomiebetriebe ist demnach nicht geplant.

Weiter sind Zuschauer bei Fußball-Spielen vorübergehend nicht
zulässig. Bei anderen Sport- oder Kultur-Veranstaltungen seien bis zu
500 Teilnehmer erlaubt. Diese müssten jedoch durchgehend eine Maske
tragen, so ein Sprecher der Stadt. Die nun getroffenen Maßnahmen
sollen in Allgemeinverfügungen rechtlich festgelegt und ab Dienstag
veröffentlicht werden.

In einem weiteren Schritt soll der Beginn des Schulunterrichts
entzerrt werden. Die Stadt denkt deshalb darüber nach, eine Anordnung
auf Basis des Infektionsschutzgesetzes zu erlassen, die Schülern ab
einer bestimmten Klassenstufe vorgibt, später mit dem Unterricht zu
beginnen. Dies solle im Einvernehmen mit dem Ministerium für Kultus,
Jugend und Sport Baden-Württemberg geschehen. Oberbürgermeister Kuhn
möchte sich am Montag zudem an wichtige Dienstleister in der Stadt,
etwa Banken und Versicherungen, wenden und sie bitten, das Arbeiten
im Homeoffice zu ermöglichen.

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg
ist am Sonntag im Vergleich zum Vortag um 477 gestiegen. Insgesamt
gebe es im Land nun 54 330 bestätigte Fälle, teilte das
Landesgesundheitsamt am Sonntag mit. Die Zahl der im Zusammenhang mit
dem Virus gestorbenen Menschen liegt weiter bei 1901. Die Zahl der
Genesenen gab das Landesgesundheitsamt mit 46 295 an. Im Schnitt
haben sich in den vergangenen sieben Tagen 28,6 Personen pro 100 000
Einwohner mit dem Virus angesteckt.

Angesichts der steigenden Corona-Infektionszahlen hatte
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) den Bürgern nahe
gelegt, auf den Urlaub im Herbst zu verzichten. «Vielleicht sollten
die Bürger in den Herbstferien nicht groß in der Gegend herumreisen.
Weder im Inland, noch im Ausland - und schon gar nicht in
Risikogebiete», sagte der Grünen-Politiker im Interview mit der
«Heilbronner Stimme», dem «Mannheimer Morgen» und dem «Südkurie

(Samstag).