Corona-Einfluss auf die Weltbevölkerung fordert Demografen heraus

10.07.2020 03:33

New York (dpa) - Lässt die Corona-Krise die Weltbevölkerung
schrumpfen? Weniger stark wachsen? Oder gibt es in ein paar Monaten
vielleicht sogar einen Baby-Boom? Diese Fragen stellen Demografen auf
der ganzen Welt im Moment vor große Aufgaben. «Das Geschehen jetzt
live zu beurteilen ist aufgrund der Datenlage schwierig», erklärte
Frank Swiaczny, Chef für Bevölkerungsentwicklung bei den Vereinten
Nationen in New York, vor dem Weltbevölkerungstag am 11. Juli. Denn
die benötigten genauen Zahlen werden in den Ländern sehr
unterschiedlich oder gar nicht erhoben und können inmitten der
Pandemie nicht laufend aktualisiert werden. Die UN wollen 2021 mit
neuen Daten der Länder ein genaueres Bild aufzeigen.

Bei der Bevölkerungsentwicklung gibt es zwei Hauptfaktoren: Die
Sterblichkeit und die Geburtenrate. «Was wir jetzt im Moment sehen,
ist eine sogenannte Übersterblichkeit», sagt Swiaczny. Dabei handelt
es sich um das Plus an Toten während der Pandemie im Vergleich zum
Durchschnitt der Vorjahre. Übersterblichkeit trete während der
Covid-19-Krise vor allem in besonders schwer getroffenen Gebieten wie
zum Beispiel in New York oder in Norditalien auf, wo zusätzlich das
Gesundheitssystem überlastet war.

In Deutschland lag die Zahl der Gestorbenen im April laut
Statistischem Bundesamt ebenfalls über dem Durchschnitt. Seit Mai
liegen die bislang vorliegenden Zahlen nun wieder im Mittel der Jahre
2016 bis 2019.

Bei der Geburtenrate können sich mögliche Veränderungen naturgemä
ß
erst ab Herbst zeigen. Man werde sehen, ob Menschen durch die
Ausgangsbeschränkungen jetzt mehr «Muße haben und es dann zu mehr
Kindern kommt», sagte Swiaczny. Diese Möglichkeit fasziniere zwar
viele Leute, ist wissenschaftlich aber umstritten. Wahrscheinlicher
sei es, dass die verstärkte wirtschaftliche Ungewissheit zu weniger
Kindern führe. Solche temporären Schwankungen bei den Geburten
könnten sich in den Folgemonaten allerdings auch wieder ausgleichen.
Experten sprechen dann von einem «Timing-Effekt».