Neuer drastischer Corona-Anstieg in den USA - Trump beschwichtigt

03.07.2020 11:32

Die US-Regierung versucht es in der Corona-Pandemie - mal wieder -
mit Beschwichtigung. Doch die Maßnahmen der Bundesstaaten sprechen
eine eindeutige Sprache. Die Feiern zum Unabhängigkeitstag will sich
Präsident Trump dennoch nicht nehmen lassen.

Washington (dpa) - Die USA kämpfen weiter mit einem dramatischen
Anstieg der Coronafälle. Mit rund 52 300 Neuinfektionen binnen 24
Stunden wurde laut Zahlen der Johns-Hopkins-Universität am Donnerstag
(Ortszeit) ein neuer Höchststand erreicht. Präsident Donald Trump
versuchte zu beschwichtigen: Er begründete den rasanten Anstieg
damit, dass weitaus mehr auf das Virus getestet werde. Kritiker
teilen Trumps Erklärung nicht und verweisen unter anderem auf eine
steigende Zahl von Krankenhauseinweisungen . Sie werfen dem
Präsidenten vor, das Infektionsgeschehen herunter zu spielen.

«Es gibt eine Zunahme der Coronavirus-Fälle, weil unser Testverhalten
so massiv und so gut ist, viel größer und besser als in jedem anderen
Land», schrieb er am späten Donnerstagabend auf Twitter. Dies seien
«großartige Neuigkeiten». Ungeachtet der Lage will Trump am Freitag

in South Dakota an den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag
teilnehmen, der am 4. Juli begangen wird.

Bereits tags zuvor hatten die USA erstmals die Grenze von täglich
50 000 Neuansteckungen überschritten. Angesichts des Rekords
versuchten auch Mitglieder der Corona-Arbeitsgruppe im Weißen Haus
am Donnerstag bei einem Vor-Ort-Besuch im stark betroffenen
Bundesstaat Florida zu beschwichtigen. «Wir sind buchstäblich in
einer viel besseren Situation als noch vor zwei Monaten», sagte
Vizepräsident Mike Pence und verwies auf die Vielzahl an Tests und
Ansätzen zur Behandlung von Covid-19-Patienten.

PENCE VERSUCHT, IN FLORIDA OPTIMISMUS ZU VERBREITEN

Pence, der die Corona-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses leitet, setzte
am Donnerstag in Florida seine Reisen in derzeit besonders betroffene
Bundesstaaten im Süden des Landes fort. Zuvor war er schon in Texas
und Arizona. Am Tag seines Besuchs überschritt die Zahl der
nachgewiesenen Neuinfektionen innerhalb eines Tages in Florida die
Marke von 10 000 - ein Allzeithoch. Pence war bemüht, Optimismus zu
verbreiten: Er wolle, dass die Menschen wachsam seien, aber er wolle
sie auch bestärken. Florida habe alles, was es brauche, um diesem
Moment zu begegnen. US-Medien berichteten, seinen Besuch zuvor in
Arizona habe Pence um einen Tag schieben müssen, weil einige der ihn
begleitenden Beamten des Secret Service positiv auf das Virus
getestet worden seien.

ÜBERRASCHENDE KEHRTWENDE IN TEXAS

In Texas vollzog Gouverneur Greg Abbott angesichts des dramatischen
Anstiegs der Neuinfektionen eine Kehrtwende. Der Republikaner ordnete
am Donnerstag eine Maskenpflicht für alle Bezirke mit 20 oder mehr
Corona-Fällen an. Damit könne die Ausbreitung des Virus nicht nur
verlangsamt, sondern auch die Wirtschaft am Laufen gehalten werden,
erklärte Abbott. Er folgte damit der Linie von mehr als einem Dutzend
Bundesstaaten. Der Schritt war dennoch bemerkenswert. Abbott hatte im
Juni noch gesagt: «Die Regierung kann nicht vorschreiben, dass
Einzelpersonen Gesichtsmasken tragen müssen.»

DER UNGEBROCHENE WIDERSTAND TRUMPS 

Trumps Widerstand gegen die Schutzmaske scheint dagegen ungebrochen.
Anders als viele andere Politiker zeigt er sich nicht mit Maske in
der Öffentlichkeit und begründet dies immer wieder damit, dass er und
die Leute um ihn herum stets auf das Virus getestet würden. Erst am
Mittwoch äußerte sich der Republikaner skeptisch über eine
landesweite Maskenpflicht.

Trump will sich am Freitag auf den Weg nach South Dakota machen, wo
er am Abend (Ortszeit/Samstag MESZ) am berühmten Präsidenten-Denkmal
von Mount Rushmore an den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag
inklusive umstrittenen Feuerwerk teilnimmt. Gouverneurin Kristi Noem
hatte die Menschen zum Kommen aufgerufen und gesagt, dass Masken
verteilt würden, aber nicht Pflicht seien. In anderen Bundesstaaten
wie Kalifornien wurden vor dem langen Feiertagswochenende
Restriktionen verhängt, um Menschenansammlungen zu verhindern.

WACHSENDER DRUCK AUS DER WIRTSCHAFT

Führende Wirtschaftsvertreter appellierten an das Weiße Haus, es
müsse in Zusammenarbeit mit den Gouverneuren Regelungen für das
verpflichtende Tragen von Masken in der Öffentlichkeit ausarbeiten.
Die vergangenen Wochen hätten bewiesen, dass auf Freiwilligkeit
basierende Richtlinien nicht ausreichten, um die Gesundheit der
Menschen zu schützen, hieß es in einem offenen Brief, der unter
anderem vom Vorstandsvorsitzenden der US-Handelskammer unterzeichnet
wurde. Ohne stärkere Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung
drohe Amerika eine «weitere Runde an Shutdowns, weitreichenden
Beschränkungen für nicht essenzielle Betriebe und irreparablen
wirtschaftlichen Schaden».

GUTE NACHRICHTEN - ABER NEUES UNHEIL DROHT

Die Wirtschaft des Landes, die empfindlich von der Pandemie getroffen
wurde, ist Trump wenige Monate vor der Wahl im November ein wichtiges
Anliegen. Am Donnerstag bejubelte er im Weißen Haus die rasche
Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt, die «alle Erwartungen
übertroffen» habe. Die am Donnerstag veröffentlichte
Arbeitslosenquote fiel stärker als erwartet von 13,3 Prozent im Mai
auf 11,1 Prozent im Juni. Fast fünf Millionen Amerikaner haben im
Juni wieder Arbeit gefunden. Doch die positiven Nachrichten sind mit
Vorsicht zu genießen - denn wegen der Zuspitzung der Lage im Süden
des Landes droht neues Unheil. Die Arbeitslosenquote für Juni beruhte
auf Daten, die nur die Situation bis zur Mitte des Monats abbildeten.
Mögliche Auswirkungen der jüngsten Zuspitzung spiegelten sich darin
deshalb noch nicht wider.

DIE ZAHLEN

Nach Berechnung von US-Medien haben mindestens 20 Staaten infolge der
rapide steigenden Infektionszahlen die phasenweise Wiedereröffnung
der Wirtschaft gebremst, pausiert oder Lockerungen gar
zurückgenommen. Insgesamt wurden in den USA seit Beginn der Pandemie
mehr als 2,7 Millionen Infektionen mit dem Erreger Sars-CoV-2
nachgewiesen, wie aus Daten der Universität Johns Hopkins hervorgeht.
Fast 130 000 Menschen starben an oder mit dem Virus.