Covid-19: Rätsel um höheres Sterberisiko für Männer Von Sabine Dobel, dpa

23.06.2020 05:00

Die Zahlen sind mittlerweile eindeutig: Männer sterben häufiger an
der Coronavirus-Erkrankung. Aber warum? Wissenschaftler gehen
verschiedenen Vermutungen nach.

München (dpa) - Männer haben bei der Coronavirus-Erkrankung eine
schlechtere Prognose als Frauen. Sie erkranken oft schwerer an
Covid-19 und sterben häufiger. Was anfangs ein Phänomen aus China mit
seiner hohen Zahl rauchender Männer zu sein schien, bestätigt sich
nun weltweit. Daten der Forschungsinitiative Global Health 50/50 aus
mehr als 20 Ländern zeigen, dass Frauen sich zwar ähnlich häufig
infizieren wie Männer. Bei den Sterberaten liegt die Verteilung
jedoch etwa bei einem Drittel zu zwei Dritteln.

«Wir sehen das auch hier in Deutschland. Wir haben sehr viele
männliche Patienten», sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für

Infektiologie an der München Klinik Schwabing, der im Februar die
allerersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt hatte. Und auch
Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar der Technischen
Universität München (TUM) sagt: «Es sind definitiv mehr Männer
betroffen».

Nach dem Situationsbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 21.
Juni starben quer durch alle Altersgruppen bis hin zu den 70- bis
79-Jährigen jeweils mindestens doppelt so viele Männer wie Frauen.
Erst danach gleicht sich das Verhältnis zunächst an und kehrt sich ab
der Altersgruppe der 90- bis 99-Jährigen um, möglicherweise aber
deshalb, weil es mehr hochbetagte Frauen als Männer gibt. Zu den
Gründen heißt es beim Beim RKI nur, es geben viele offene Fragen. Es
werde noch dauern, bis eine belastbare Bewertung möglich sei.

Eine Vermutung: Der oft ungesündere Lebensstil von Männern. Gerade
Männer der älteren Generation, in der weniger auf Ernährung und
Lebensweise geachtet wurde, könnten mehr an Vorerkrankungen leiden.
Denkbar sei auch, dass Männer einfach später zum Arzt gehen - und
deshalb Krankheiten länger verschleppen. Vor allem im Gespräch ist
aber der sogenannte ACE2-Rezeptor, über den das Sars-CoV-2-Virus in
die Lunge eindringen kann - er kommt einer Studie zufolge bei Männern
in höherer Konzentration vor. Das Team des University Medical Center
Groningen hatte den Zusammenhang zwischen ACE2 und chronischer
Herzinsuffizienz untersucht und dabei den Geschlechtsunterschied
festgestellt. Der Grund für die höhere Konzentration von ACE2 bei
Männern sei nicht bekannt, schreiben die Forscher im «European Heart
Journal».

Das Enzym, das in Lunge, Niere, Blutgefäßen, Herz und
Magen-Darm-Trakt in Erscheinung tritt, gilt als Eintrittspforte für
Coronaviren - bei einfachen Erkältungen wie auch bei den durch
Coronaviren ausgelösten Krankheiten Covid-19, Sars und Mers. Auch bei
Mers seien Männer stärker betroffen gewesen, sagt Bernhard Zwißler,
Direktor der Klinik für Anästhesiologie am LMU Klinikum. Es werde
gerade untersucht, ob die Gabe von ACE-Hemmern als Blutdrucksenker
dazu führe, dass Zellen vermehrt den ACE2-Rezeptor bilden und dadurch
anfälliger sind für eine Infektion. Denkbar sei das durchaus,
bewiesen sei es aber bislang nicht.

Herzkreislauferkrankungen sind ohnehin ein Risikofaktor für Covid-19
- und Männer sind davon stärker betroffen als Frauen. «Global gesehen

ist es so, dass Männer häufiger an Herzkreislauferkrankungen sterben.
Aber ob das der Schlüssel ist, wissen wir nicht», erläutert Spinner.

Auch er sieht in der unterschiedlichen Regulation des ACE2-Rezeptors
eine mögliche Erklärung, mahnt aber gleichfalls bei Interpretationen
der bisherigen Erkenntnisse zu Vorsicht.

Manche Experten sehen als Faktoren für die unterschiedlichen Verläufe
auch das weibliche Hormon Östrogen mit seinem schützenden
Wirkmechanismus oder das stärkere Immunsystem von Frauen - ohne dass
es hier eindeutige Belege gibt. Dass das Immunsystem von Frauen auf
Virus-Infektionen grundsätzlich schneller und stärker reagiert als
das von Männern, zeigt sich laut Virologen auch bei anderen
Virus-Erkrankungen, etwa bei der Grippe, bei Sars und bei Mers. Oder
bei einfachen Erkältungen - Witzeleien über den «Männer-Schnupfen
»
scheinen einen wahren Kern zu enthalten. Dafür erleiden Frauen
häufiger Auto-Immunerkrankungen, bei denen das Immunsystem
überschießt und eigene Zellen angreift - eine mögliche Komplikation
auch bei Covid-19.

Unzählige Studien laufen derzeit weltweit zu Covid-19, auch zu den
geschlechtsspezifischen Unterschieden. Die Mediziner hoffen, dass
auch die Klärung dieser Frage neue Wege zur Behandlung eröffnet.