Drei Monate nach dem Lockdown: Autokinos und Fahrräder sind gefragt

19.06.2020 15:18

Busse und Bahnen werden noch nicht wieder so genutzt wie vor der
Corona-Pandemie. Dafür sind Fahrräder gefragt und auch Autos wieder.
Die ersetzen immer häufiger auch herkömmliche Kinos oder Festivals.

Mainz (dpa/lrs) - Vor rund drei Monaten hatte die
rheinland-pfälzische Landesregierung wegen des Coronavirus die
Schließung aller Gaststätten verfügt und Versammlungen von mehr als
fünf Menschen untersagt. Wenige Tage später wurde die Maskenpflicht
in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr angekündigt. Seither
sind viele Beschränkungen gelockert: Wie hat sich dies auf das Leben
ausgewirkt? Einige Beispiele:

VERKEHR: Während des Corona-Lockdowns war es plötzlich ruhig auf den
Straßen und in der Luft. Inzwischen brummt der Verkehr wieder, auch
weil sich viele lieber ins Auto als in einen Bus oder Zug setzen.
Zugleich satteln aber auch viele aufs Rad um. Der Mainzer
Stadtsprecher Ralf Peterhanwahr etwa sagt: «Es sind auffällig wenig
Leute mit Bus und Bahn unterwegs, was der Mainzer Mobilität wegen der
Einnahmen auch etwas Sorgen macht.» Viele Menschen hätten
offensichtlich Angst vor einer Ansteckung und nähmen daher lieber das
Auto. «Beim Autoverkehr sind wir wieder bei etwa 90 Prozent», sagte
Peterhanwahr. Der Landesbetrieb Mobilität (LBM) Rheinland-Pfalz
bestätigt: «Tendenz steigend» auf den Autobahnen im Land. Einer
Sprecherin zufolge war zu Beginn der Pandemie «im März, April,
vielleicht auch noch bis Mitte Mai» deutlich weniger los als
normalerweise. Zahlen hat sie aber nicht.

Beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) - zu dem Mainz und einige
angrenzende Stationen gehören - steigt die Fahrgastnachfrage seit Mai
langsam wieder: «Im S-Bahn-Netz sind im Vergleich zu
Vor-Corona-Zeiten derzeit rund 50 Prozent der Fahrgäste unterwegs»,
sagte RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann. «Zum Vergleich: Im April
haben im Schnitt nur 10 bis 20 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste
den ÖPNV genutzt.»

GASTSTÄTTEN und Hotels blicken in Rheinland-Pfalz in eine ungewisse
Zukunft: «Die Lage ist weiter mehr als prekär», sagt der Präsident

des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Rheinland-Pfalz,
Gereon Haumann. Nach einer aktuellen Umfrage sei ein Drittel der
Betriebe von akuter Insolvenz bedroht. Zwar hätten 90 Prozent der
Betriebe wieder geöffnet, aber 80 Prozent von ihnen würden angeben,
mit den Umsätzen nicht wirtschaftlich erfolgreich arbeiten zu können.
Das drängendste Probleme sei, dass die Nachfrage nicht da sei. «Die
Umsätze reichen bei weitem nicht, um die Kosten zu kompensieren»,
sagt Haumann. Daher fordere der Dehoga weiter einen Rettungsfonds für
das Gastgewerbe mit seinen 12 500 Betrieben im Land. 

SCHULEN: Am 16. März wurden die Schulen geschlossen, um der
Ausbreitung der Corona-Pandemie entgegenzuwirken. Für Schulen wie für
die Kitas wurde eine Notbetreuung organisiert. Schritt für Schritt
wurden die Schulen seit dem 27. April wieder geöffnet, unter den
Vorgaben eines umfangreichen Hygieneplans. Am 4. Mai kehrten die
ersten Grundschüler wieder in ihre Klassenräume zurück. Inzwischen
hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, «dass wir überall so
schnell wie möglich zum schulischen Regelbetrieb zurückkehren
wollen», wie Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sagt. In
Rheinland-Pfalz soll dies nach den Sommerferien Mitte August sein.
Bis zu den Ferien soll es dafür einen neuen Hygieneplan geben.

FINANZEN: Die Folgen der Corona-Pandemie schneiden tief in die
Finanzen von Land und Kommunen ein. Rheinland-Pfalz wird in diesem
Jahr voraussichtlich zwei Milliarden Euro weniger an Steuern
einnehmen als zuvor geplant. Zurzeit arbeitet das Finanzministerium
in Mainz an einem zweiten Nachtragshaushalt, der voraussichtlich die
Aufnahme von Krediten in hohem Umfang vorsieht und nach der
Sommerpause dem Landtag vorgelegt werden soll. Die Steuerschätzung
beruht auf den Prognosen für die Konjunkturentwicklung mit der
Erwartung der schwersten Rezession in der Geschichte der
Bundesrepublik.

AUTOKINOS: Nach der Schließung herkömmlicher Kinos wegen des
hochansteckenden Corona-Virus haben die Autokinos auch in
Rheinland-Pfalz eine unverhoffte Renaissance erlebt. «Dieses Phänomen
hätte vorher kein Mensch erwartet», sagt Urs Spörri, Festspielleiter

der Heimat Europa Filmfestspiele, die vom 9. August bis 6. September
in Simmern im Hunsrück vor Zuschauern in Fahrzeugen über die Leinwand
flimmern. Grob geschätzt rund 30 «Pop-up-Autokinos», also nur
vorübergehende Open-Air-Spektakel dieser Art, gebe es in
Rheinland-Pfalz oder habe es hier in Corona-Zeiten gegeben.

Diese «Nostalgie pur» sei sehr beliebt, ergänzt Spörri. «Die Leut
e
können sich gleichzeitig privat ungestört in ihren Autos unterhalten
und ein öffentliches Kinoerlebnis haben.» Eine Corona-Lockerung in
Rheinland-Pfalz ermöglicht auch eine ganz neue Kombination: Da hier
inzwischen unter Auflagen wieder Veranstaltungen im Freien mit bis zu
250 Menschen erlaubt sind, können Autokinos vor die Fahrzeuge noch
entsprechend viele Stühle mit Mindestabständen für weitere Zuschauer

stellen.

FREIBÄDER: An diesem Wochenende beginnt auch kalendarisch der Sommer
- etliche Schwimmbäder haben endlich wieder ihre Pforten geöffnet,
wenn auch mit Auflagen. Volle Liegewiesen und Pools soll es nicht
mehr geben, die Zahl der Besucher ist wegen des hochansteckenden
Corona-Virus beschränkt. Das rheinland-pfälzische Hygienekonzept
sieht zur Sicherheit einen Mindestabstand von eineinhalb Metern auch
im Wasser vor. Manche Schwimmbäder bieten bestimmte Zeitfenster an
und desinfizieren dazwischen ihre Anlagen, zum Beispiel das Freibad
in Andernach. «Wir haben von 10 bis 13 Uhr und von 15 bis 19 Uhr
geöffnet, damit möglichst viele Leute schwimmen können», sagt
Stadtsprecher Christoph Maurer. «Maximal 250 können gleichzeitig
rein.» Besucher müssten Kontaktformulare ausfüllen. Es werde mehr
Personal gebraucht, um die Corona-Regeln zu überwachen. Das
gewöhnliche finanzielle Minus des Andernacher Freibads wird sich laut
Maurer in diesem Jahr wohl zu einem «Monsterdefizit» auswachsen.

Die KRIMINALITÄT: ist während der Pandemie zurückgegangen und auch
nach den Lockerungen noch niedriger als sonst. Das Landeskriminalamt
spricht von einem Minus von etwa 27 Prozent im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum. Dies betrifft vor allem Einbrüche (minus 33
Prozent) und Körperverletzung (minus 28 Prozent) zu verzeichnen.

INTERNETBETRUG: Die Gefahr von Hackerangriffen und Phishing-Mails ist
nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden gestiegen. Das
Landeskriminalamt hat von März bis Mitte Juni 2020 rund insgesamt
6700 Fälle von Cybercrime festgestellt, ein Plus von 197 Fällen oder
3,0 Prozent zum Vorjahr. Der Anstieg sei überwiegend auf mehr
Warenbetrug (plus 36,8 Prozent) und sonstigen Betrug (plus 27,4
Prozent) zurückzuführen. Rückgänge gab es etwa bei der Erpressung a
uf
sexueller Grundlage (minus 52,5 Prozent) und sonstiger Erpressung
(minus 51,4 Prozent).

Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz führt nach eigenen Angaben
derzeit ein Ermittlungsverfahren gegen einen Verdächtigen, der
zunächst die offizielle Internetseite der Corona-Soforthilfe
Nordrhein-Westfalen fälschte. Als dort ein getäuschter Firmeninhaber
seine Angaben eintrug, nutzte er diese den Ermittlungen zufolge zum
Abschöpfen von 25 000 Euro. In einem anderen Fall soll der
Beschuldigte frei zugängliche Firmendaten etwa aus dem
Handelsregister benutzt haben, 25 000 Euro Soforthilfe zu beantragen.

Der Justiz seien bislang zwei erfolgreiche und sechs erfolglose
Betrugsversuche mit dieser Masche bekannt, sagte ein Sprecher der
Generalstaatsanwaltschaft Koblenz. «Noch gibt es keine Erkenntnisse
über eine Zunahme. Aber immer, wenn etwas Neues da ist, gibt es
Menschen, die das ausnutzen - das zeigt die Erfahrung.»
Sicherheitsbehörden, darunter das Landeskriminalamt (LKA)
Rheinland-Pfalz in Mainz, hatten bereits recht früh in der
Corona-Krise Präventionsangebote im Internet veröffentlicht.