Expertin: Corona-Verschwörungen haben Grenze des Sagbaren verschoben

17.06.2020 05:30

Gibt es das neue Coronavirus überhaupt? Ist es eine Biowaffe oder
nutzen die Regierenden die Krise aus, um Bürgerrechte zu beschneiden?
In der Pandemie machen Verschwörungserzählungen die Runde. Neu ist so
was nicht, sagt eine Expertin aus Mainz und warnt vor den Folgen.

Mainz (dpa/lrs) - Die vielen im Zuge der Corona-Krise kursierenden
Verschwörungserzählungen werden nach Ansicht der Sozialpsychologin
Pia Lamberty auch über die Pandemie hinaus wirken. «Ich befürchte,
dass von den Narrativen etwas zurückbleibt», sagte die
Wissenschaftlerin der Johannes Gutenberg-Universität der Deutschen
Presse-Agentur in Mainz. «Die Grenze des Sagbaren hat sich
verschoben.» Das reiche bis hin zur Bagatellisierung des Holocausts,
wenn auf Demonstrationen gegen Corona-Auflagen Menschen einen
Judenstern trügen.

Lamberty forscht seit Jahren zu Verschwörungstheorien weltweit. Es
dürfe nicht vergessen werden, dass es schon immer die Neigung zu
Verschwörungen gegeben habe, zumal in Verbindung mit Epidemien oder
Krankheiten. Das habe sich während der Pest gezeigt, da sei unter
anderem behauptet worden, Juden hätten Brunnen verseucht. Auch
während der Spanischen Grippe oder Ausbrüchen von Ebola oder des
Zikavirus habe es Verschwörungsgeschichten gegeben. Impfgegner sähen
sich sich als Opfer eines Impfzwangs, seien auch mit nachgeahmten
Judensternen auf Demos gewesen.

Diese NS-Vergleiche im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien seien
etwas Besonderes in Deutschland, sagte Lamberty. «Das habe ich in dem
Maße woanders nicht gesehen.» Dass auch Corona-Verschwörungstheorien

gerade hier, wo die Pandemie bislang vergleichsweise glimpflich
verlief, Konjunktur haben, wundert die Wissenschaftlerin nicht.

Gerade dass sich die Krise in Grenzen halte, mache es einfacher, das
Virus als gar nicht so schlimm darzustellen. In Italien sei es fast
unmöglich, das neue Virus zu leugnen. In Deutschland glaubten auch
mehr Menschen an Verschwörungstheorien über die Terroranschläge vom
11. September 2001 in den USA als in den Vereinigten Staaten selbst.

Doch warum neigen Menschen zu Verschwörungstheorien? «Es ist eine
Form des Umgangs mit einer Bedrohung, sie wird entweder
heruntergespielt oder personalisiert», sagte Lamberty. Der Glaube,
dass die Regierung das Coronavirus erfunden habe, mache die Situation
greifbarer. Außerdem erhöhten Verschwörungstheorien die Urheber,
sagte die Autorin und Sozialpsychologin. «Sie verfügen scheinbar über

Geheimwissen, glauben Dinge zu kennen, von denen andere nichts
wissen.» Der Urheber von Verschwörungstheorien erscheine als
Widerstandskämpfer gegen Verschwörer. «Man ist in der eigenen
Wahrnehmung heroischer», sagte Lamberty.