Säuglinge in Lebensgefahr - das Rätsel ums Morphin Von Kathrin Löffler und Tatjana Bojic, dpa

04.02.2020 17:12

Im Dezember kommen fünf Säuglinge im Ulmer Krankenhaus mit akuter
Atemnot auf die Intensivstation. Sie überleben. Im Urin der Frühchen
werden später Morphium-Reste nachgewiesen. Wer die Babys vergiften
wollte, ist wieder unklar.

Ulm (dpa) - Wegen der voreiligen Weitergabe eines Zwischenergebnisses
von Experten des Landeskriminalamtes (LKA) sitzt eine
Krankenschwester der Uniklinik Ulm mehrere Tage in Untersuchungshaft.
Sie wird verdächtigt, Babys in der Klinik Morphium verabreicht zu
haben. Nun ist klar: Das Morphium, das vermeintlich in einer Spritze
mit Muttermilch im Spind der Angestellten gefunden wurde, stammt aus
einem Lösungsmittel des LKA.

Was ist bei der Untersuchung im Landeskriminalamt schiefgelaufen?

90 Prozent aller Beweismittel werden im LKA nach standardisierten
Verfahren untersucht. Das bedeutet, dass zunächst eine unbelastete
Vergleichsprobe untersucht wird. Muttermilchanalysen gehören nicht zu
den Standardverfahren. Im Fall der Spritze aus dem Krankenhausspind
lag eine Vergleichsprobe von jener Frau, von der auch die Muttermilch
aus der Spritze stammte, zunächst nicht vor. Die Kriminaltechniker
untersuchten zuerst nur die vermeintlich belastete Muttermilch. Den
positiven Befund auf Morphium teilten sie sogleich der Ulmer Polizei
mit. Erst danach bekamen sie weitere Muttermilch jener Frau, von der
auch die Muttermilch aus der Spritze stammte. Auch diese
Vergleichsprobe wurde positiv auf Morphin getestet - nach Angaben der
Frau konnte es aber nicht durch Drogen- oder Medikamentenkonsum in
ihre Muttermilch gelangt sein. Das machte die Beamten stutzig.

Weitere Untersuchungen ergaben, dass das Morphium aus einem
Lösungsmittel stammte, das die Kriminaltechniker verwendet hatten.
Vergleichsanalysen des bayerischen LKA bestätigten, dass sowohl die
Muttermilch aus der Spritze als auch jene später eingereichte kein
Morphium enthielten.

Wie wurden die Babys damals eigentlich behandelt?

Drei der fünf Säuglinge im Alter von einem Tag bis 30 Tagen, bei
denen in der Dezembernacht 2019 akute Atembeschwerden festgestellt
wurden, wurden künstlich beatmet und bekamen dabei Morphin
verabreicht. Zwei Frühchen hatten Atembeschwerden, bekamen in der
Notfallsituation aber kein Morphin. Allerdings wurde bei
rechtsmedizinischen Untersuchungen des Urins bei allen fünf
Säuglingen Morphin nachgewiesen. Die Wirkung von Morphin tritt sehr
schnell binnen Minuten bis Stunden ein.

Wie geht es mit der aus der Untersuchungshaft entlassenen
Krankenschwester weiter?

Ulms Leitender Oberstaatsanwalt Christof Lehr soll sie nach der
Entlassung angerufen und ihr sein Bedauern ausgedrückt haben. Sie
habe gelassen reagiert. Sollte ihr keine Tatbeteiligung nachgewiesen
werden, steht ihr eine gesetzlich vorgeschriebene Entschädigung für
die Haftzeit zu.

Wer steht nun unter Verdacht?

Die Staatsanwaltschaft geht weiterhin von einer vorsätzlichen Tat
aus. Der dringende Tatverdacht gegen die Krankenschwester, in deren
Spind die vermeintlich mit Morphin kontaminierte Spritze gefunden
wurde, besteht zwar nicht mehr. Sie gehört aber weiter zum Kreis der
Verdächtigen. Laut Staatsanwaltschaft konzentrieren sich die
Ermittlungen auch noch auf fünf weitere Klinik-Mitarbeiterinnen, die
am 20. Dezember Nachtschicht hatten. Alle sechs sind von der
Universitätsklinik vorläufig freigestellt. Sie bestreiten die
Tatvorwürfe. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem Anfangsverdacht
wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

Wie geht es nun weiter?

Die Staatsanwaltschaft will mehrere medizinische Sachverständige
hinzuziehen. Sie sollen beispielsweise klären, wie welche Menge an
Morphin auf Säuglinge wirkt. Die Ulmer Staatsanwaltschaft steht auch
in Kontakt mit Experten, die sich mit einem Fall in Marburg
beschäftigt hatten. Dort war eine Kinderkrankenschwester wegen
versuchten Mordes verurteilt worden, weil sie Frühgeborenen nicht von
Ärzten verordnete Beruhigungs- und Narkosemittel verabreicht haben
soll.

Gab es schonmal eine ähnliche Panne im Landeskriminalamt?

Ja, im Zusammenhang mit dem Mordfall an der Polizistin Michèle
Kiesewetter 2007 in Heilbronn. Damals jagten die Ermittler ein
«Phantom», weil Wattestäbchen, die zur Spurensicherung am Tatort
eingesetzt wurden, durch die DNA einer Mitarbeiterin einer
Verpackungsfirma verunreinigt waren.