Virus lässt Chinas Börsen absacken: Verluste von 600 Milliarden Euro Von Andreas Landwehr und Carsten Hoefer, dpa

03.02.2020 12:56

Die Finanzmärkte in China verzeichnen die größten Verluste seit der
Börsenkrise 2015. Obwohl die Regierung gegensteuert, konnte der
Ausverkauf nur von Handelslimits begrenzt werden. Unterdessen ergriff
Hongkong weitere Vorsichtsmaßnahmen.

Shanghai (dpa) - Die Furcht vor der Ausbreitung des neuartigen
Coronavirus hat Chinas Aktienmärkten die größten Verluste seit Jahren

beschert. Die Shanghaier Börse meldete am Montag einen Kursrutsch um
7,72 Prozent und verlor damit innerhalb eines Handelstages 2,8
Billionen Yuan an Wert, umgerechnet etwa 360 Milliarden Euro. Der
zweite Aktienmarkt des Landes im südchinesischen Shenzhen brach um
8,45 Prozent ein, was einen Verlust von zwei Billionen Yuan (260
Milliarden Euro) bedeutete. Es war der erste Handelstag nach den
wegen der Lungenkrankheit verlängerten Ferien zum chinesischen
Neujahrsfest, die schon am 23. Januar begonnen hatten.

Die Verluste waren so groß wie seit der Börsenkrise 2015 in China
nicht mehr. Viele Aktien fielen gleich zu Beginn um die zehn Prozent,
die als Handelslimit festgelegt sind. Um Panik zu verhindern, hatte
Chinas Regierung vorher noch demonstrativ versucht, das Finanzsystem
zu stärken und die Auswirkungen der Epidemie abzufedern - unter
anderem mit einer ungewöhnlich hohen Geldspritze. Die Zentralbank
stellte den Geschäftsbanken 1,2 Billionen Yuan (rund 156 Milliarden
Euro) Liquidität zur Verfügung. Es fielen aber nicht nur die
Aktienkurse, sondern auch die chinesische Währung: Der Yuan-Kurs sank
gegenüber dem Dollar um 1,5 Prozent.

Die Intervention der Notenbank sollte die Funktionalität des
chinesischen Geldmarktes und Bankensystems sicherstellen. Das Geld
floss im Rahmen von Repo-Geschäften. Dabei hinterlegen Banken
Wertpapiere als Sicherheiten. Laut dem Finanzdienst Bloomberg war die
Geldspritze die größte seit 2004. Weltweit hat die Ausbreitung des
Virus den Börsen in den vergangenen Tagen gehörig zugesetzt.

Die Furcht an den ostasiatischen Börsen griff aber nicht auf Europa
über. Der deutsche Aktienindex Dax meldete sich nach der sehr
schwachen Vorwoche mit sogar mit einem leichten Plus zurück und
übersprang zunächst die Marke von 13 000 Punkten. Die Anleger hoffen,
dass die chinesische Regierung die negativen Folgen der Epidemie mit
einem Konjunkturprogramm lindern wird.

Die Virusepidemie wird in diesem Jahr auch das - gemessen an den
Rekorden früherer Jahre - ohnehin schwächelnde Wirtschaftswachstum in
China dämpfen. Die realwirtschaftlichen Verluste lassen sich jedoch
noch nicht beziffern. Derzeit steht die zweitgrößte Volkswirtschaft
der Welt weitgehend still, da die meisten Fabriken und Büros wegen
der Epidemie auch diese Woche geschlossen bleiben.

Auch das Reisen - einschließlich des Geschäftsreiseverkehrs - von und
nach China - wird zunehmend schwierig. Die Regierung von Hongkong
schloss am Montag weitere Grenzübergänge nach China. Wie
Regierungschefin Carrie Lam mitteilte, bleiben nur noch ein Übergang
nach Shenzhen und die Brücke nach Zhuhai und Macao sowie eine
begrenzte Zahl von Flugverbindungen in die Volksrepublik offen. Alle
Fähr- und Zugverbindungen sind hingegen ausgesetzt.

Mehr als tausend Mitarbeiter des Hongkonger Gesundheitswesens hatten
am Montag gestreikt, um eine weitere Begrenzung der Besucher aus der
Volksrepublik durchzusetzen. Weltweit haben viele Unternehmen
Geschäftsreisen von und nach China abgesagt.

Zuvor hatte die chinesische Gesundheitskommission in Peking den
bisher höchsten Anstieg der Todesfälle und neu nachgewiesenen
Infektionen innerhalb eines Tages gemeldet. Die Gesamtzahl der Toten
stieg auf 361 - mehr als beim Ausbruch des Schweren Akuten
Atemwegssyndrom (Sars) vor 17 Jahren in China. Die Zahl der
bestätigten Infektionen kletterte wieder sprunghaft um 2829 auf 17
205 Fälle.