Arbeiten am Anschlag - Klinik in Wuhan voller Coronavirus-Patienten

02.02.2020 07:00

Das chinesisch-deutsche Freundschaftskrankenhaus in Wuhan hat für
europäische Maßstäbe gigantische Ausmaße. 6,5 Millionen Patienten
werden dort im Jahr behandelt. Egal, ob Orthopädin oder Gynäkologe:
Im Moment behandeln alle Ärzte fast nur Coronavirus-Patienten.

Bayreuth/Wuhan (dpa/lby) - Im größten Krankenhaus im chinesischen
Wuhan werden - wie in den meisten anderen Kliniken der Millionenstadt
- derzeit fast ausschließlich Coronavirus-Patienten behandelt.
Dennoch laufe soweit alles in geregelten Bahnen, berichtete der
deutsche Präsident des chinesisch-deutschen
Freundschaftskrankenhauses, Eckhard Nagel. Der Professor von der
Universität Bayreuth steht in engem Austausch mit seinem Kollegen in
Wuhan. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betonte er: «Es

liegt sicher keine Panik vor.» .

Allerdings: «Den normalen Alltag gibt es jetzt nicht. Jeder ist ein
potenzieller Notfallpatient, dementsprechend sind alle Abläufe anders
als sonst», sagte Nagel. Das Tongji-Klinikum habe hohen europäischen
Standard. «Insofern sind die Kollegen auch geschult, mit
schwerkranken Patienten und schwierigen Situationen umzugehen.» Neben
den nötigen Vorsichtsmaßnahmen sei vor allem die emotionale Seite
belastend. Viele Patienten kämen in großer Sorge in die Notaufnahme,
und die Stimmung in der unter Quarantäne gestellten Stadt sei per se
niedergeschlagen.

Da Prognosen zufolge bis zu 100 000 Menschen in Wuhan infiziert sein
könnten, ist laut Nagel absehbar, dass nicht mehr alle erkrankten
Patienten direkt stationär aufgenommen werden können. Dabei hat das
Tongji-Klinikum, das im Jahr üblicherweise 6,5 Millionen Patienten
behandelt, 6000 Betten. Zum Vergleich: Europas größtes
Universitätskrankenhaus, die Berliner Charité, hat 3000 Betten.

Die Versorgung und Logistik des riesigen Krankenhauses läuft zu
Nagels Verwunderung offenbar trotz der Abriegelung Wuhans weiterhin
gut. Allerdings würden weitere Mediziner und Pflegekräfte von
außerhalb benötigt, weil die ansässigen rund um die Uhr in voller
Besetzung im Einsatz seien. Auch mit Blick auf Schutzanzüge und
Masken, die für die Versorgung von Isolationspatienten nötig seien,
werde Unterstützung benötigt - «auch mit Produkten aus dem Ausland.
Es ist nicht ausreichend, was in China im Moment zur Verfügung
gestellt werden kann.» Ebenso seien die logistischen
Herausforderungen bei der Versorgung mit Lebensmitteln enorm.

Die offiziellen Zahlen über Infizierte und Todesopfer hält Nagel für

plausibel. «Ich habe den Eindruck, dass die Verantwortlichen im
Gesundheitswesen großes Interesse haben, wirklich transparent
mitzuteilen, wie die Situation aussieht. Das Verständnis ist
gewachsen dafür, dass nur, wenn wir alle Daten, die wir haben,
miteinander teilen, diskutieren und bewerten, mögliche negative
Folgen dieser Infektionskrankheit eingedämmt werden können.»

Glück im Unglück sei, dass seit zehn Jahren ein enger
Forschungsverbund mit dem Universitätsklinikum Essen just zum Thema
Infektiologie bestehe. So habe schneller ein neuartiges Virus als
Auslöser für die Erkrankungswelle identifiziert werden konnte.