Kippe weg vom Lenkrad - Rauchverbot beim Fahren mit Kindern gefordert Von Christian Brahmann, dpa

18.09.2019 07:29

Wer im Auto raucht, schadet allen Mitfahrern. Eine Initiative
mehrerer Bundesländer will Kinder und Jugendliche per Gesetz vor dem
Qualm schützen und den Glimmstängel aus den Autos verbannen. Bei
Verstößen würden dann empfindliche Strafen drohen.

Hannover (dpa) - Keine Flucht möglich: Wer auf der Rückbank im Auto
sitzt, ist Zigarettenrauch schutzlos ausgeliefert. Wenn es nach dem
Willen mehrerer Bundesländer geht, gehören vollgequalmte Autos aber
schon bald der Vergangenheit an. «Gerade Kinder tragen eine Reihe
gesundheitlicher Folgen vom Passivrauchen davon», sagt Niedersachsens
Gesundheitsministerin Carola Reimann. Für die SPD-Politikerin ist
klar, dass Jugendliche vor dem schädlichen Qualm geschützt werden
müssen.

Eine entsprechende Gesetzesinitiative wollen Nordrhein-Westfalen,
Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein am Freitag in
den Bundesrat einbringen. «Der Bund muss endlich handeln und die
entsprechenden Regelungen umsetzen», fordert Ministerin Reimann.
Geändert werden soll das Nichtraucherschutzgesetz. Wenn Schwangere
und Kinder im Auto sitzen, sollen Zigaretten tabu sein. Bei Verstößen
würden dann Bußgelder von 500 bis 3000 Euro drohen.

Für den Ulmer Lungenfacharzt Michael Barczok ist das Rauchen im Auto
immer besonders problematisch und sollte grundsätzlich unterbleiben.
«Sind Dritte betroffen, die gar noch an einer Atemwegserkrankung
leiden oder aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung besonders
gefährdet sind, ist dies nicht hinnehmbar», sagt Barczok als Sprecher
für den Bundesverband der Pneumologen. Es sei bekannt, dass beim
Rauchen in geschlossenen Räumen hohe Mengen an Luftschadstoffen -
insbesondere Feinstaub und giftige Stickoxide - freigesetzt würden.
Und im Auto gebe es trotz Lüftung hohe Belastungsspitzen.

«In verbranntem Tabak sind rund 90 nachgewiesene toxische oder
krebserregende Substanzen enthalten», heißt es auch in der Begründung

der Länderinitiative. Die Konzentration dieser Giftstoffe sei im
abgegebenen Rauch sogar höher als im aktiv inhalierten. Passivrauchen
ist demnach noch schädlicher als aktives Rauchen durch den Filter.

Die Länder verweisen auf Untersuchungen des Deutschen
Krebsforschungszentrums, nach denen bei Kindern eine Reihe von
gesundheitlichen Folgen beobachtet werden - ein gesteigertes Risiko
für den plötzlichen Kindstod gehört dazu. Nach Schätzungen des
Forschungsinstituts sind rund eine Millionen Minderjährige in
Deutschland dem Tabakrauch im Auto ausgesetzt.

Schon im vergangenen Oktober hatten sich die Gesundheitsminister der
Länder für ein bundesweites Rauchverbot in Autos ausgesprochen, in
denen Minderjährige und Schwangere mitfahren. Weil der Bund den
Forderungen der Gesundheitsministerkonferenz laut Carola Reimann
nicht nachgekommen ist, machen die Länder jetzt Druck. «Ich hoffe
sehr, dass sich weitere Bundesländer unserer Forderung anschließen»,

sagte Reimann mit Blick auf die Sitzung der Länderkammer am Freitag.

Der ADAC verweist darauf, dass das Auto ein nicht-öffentlicher Raum
sei, in dem die Insassen selbstverantwortlich handeln sollten. «Dabei
versteht sich von selbst, dass man nicht raucht, wenn Kinder im Auto
sind», sagte Sprecherin Alexandra Kruse. Für den Automobilclub ist
fraglich, ob ein Gesetz die Situation verbessern würde. «Wir zweifeln
daran, weil es sehr schwierig ist, den Sachverhalt wirkungsvoll zu
kontrollieren», sagte Kruse.

Bedenken zur Umsetzbarkeit entgegnet das Gesundheitsministerium in
Hannover, dass sich ein solches Verbot leichter kontrollieren lasse
als etwa beim Telefonieren mit dem Handy. Bei Verkehrskontrollen
seien die Zigarette und der Qualm deutlich sichtbar und der Geruch
beim Öffnen der Autos wahrnehmbar.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) widerspricht: Die notwendigen
Kontrollen seien aufgrund des eklatanten Personalmangels nicht
ausreichend zu leisten, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Oliver
Malchow. Rauchen sei zwar ein erhöhtes Unfallrisiko, für ihn reiche
aber prinzipiell ein Verweis auf die Straßenverkehrsordnung. Darin
sei von einem Verhalten die Rede, das niemanden anderen schädige und
gefährde.

Die Schwierigkeit, in einem eher privaten Bereich durch gesetzliche
Regelungen Verhaltensänderungen zu erzwingen, sieht auch der
Lungenexperte Barczok. Auf der anderen Seite bezeichnet er es als
Körperverletzung, wenn etwa vor Kindern geraucht wird. «Würde man dem

Begriff der Körperverletzung dafür gelten lassen, bräuchte man kein
spezielles Gesetz, sondern müsste sich nur auf die geltende Regelung
berufen», meint der Facharzt.