Sorge um Merkel: Wie krank ist die Kanzlerin? Von Jörg Blank, Michael Kappeler und Michael Fischer, dpa

10.07.2019 18:05

In einer Woche wird Angela Merkel 65. Nachdem ihre Zitteranfälle in
der Öffentlichkeit sich häufen, muss sich die Kanzlerin unangenehmen
Fragen stellen.

Berlin (dpa) - Es ist schon wieder passiert - und wieder bei den
Nationalhymnen. Angela Merkel atmet mehrfach tief ein, als sie am
Mittwoch im Ehrenhof des Kanzleramts auf dem kleinen roten Podest
neben Antti Rinne steht, dem neuen Regierungschef aus Finnland. Als
ob sie merken würde, dass sich da etwas anbahnt. Schon bei den ersten
Klängen der finnischen Nationalhymne beginnen ihre Beine leicht zu
zittern. Das Schlottern steigert sich, bei der folgenden deutschen
Hymne bebt der ganze Körper, die Kanzlerin schwankt leicht. Erst als
Merkel geschlagene drei Minuten später gemeinsam mit Rinne die
Ehrenformation der Bundeswehr abschreiten kann, ist es vorbei.

Dreimal innerhalb von gut drei Wochen hat Merkel nun in aller
Öffentlichkeit eine solche Zitterattacke durchleben müssen. Vor
laufenden Fernsehkameras. Es ist immer der gleiche Ablauf, und immer
passiert es, wenn Merkel aus einem offiziellen Anlass regungslos
stehen und warten muss. Am Mittwoch ist zu sehen, wie die Kanzlerin
die Lippen zusammenbeißt, die Hände zur Faust ballt. So, als wolle
sie den Anfall eisern beherrschen. Während die deutsche Nationalhymne
gespielt wird, formen die Lippen der Kanzlerin stumme Worte.

In ganz Deutschland fragen sich nun die Menschen: Wie krank ist die
Kanzlerin? Merkel weiß natürlich: Auch ihre Verhandlungspartner in
der EU und die mächtigen Männer dieser Welt wie US-Präsident Donald
Trump oder der Russe Wladimir Putin werden die krampfartigen Vorfälle
genau registriert haben. In der Öffentlichkeit Schwäche zu zeigen,
kann in harten Verhandlungen auf den politischen Bühnen der Welt zur
schweren Hypothek werden.

Aus diesem Grund haben einige ihrer Vorgänger über ernsthafte
Krankheiten bewusst geschwiegen oder sie sogar vertuscht. Auch die
Kommunikationsstrategie von Merkel und ihrem engsten Umfeld wirft
Fragen auf. Beim ersten der drei jüngsten Vorfälle war Wassermangel
bei großer Hitze als Ursache genannt worden, nach dem zweiten hieß
es, Merkel habe den ersten Vorfall psychisch noch nicht weggesteckt
und sei dabei, ihn noch zu verarbeiten.

Auf die besorgte Frage einer finnischen Journalistin bei der üblichen
Pressekonferenz nach dem Treffen mit Rinne versucht Merkel deshalb,
Sorgen über ihren Gesundheitszustand beiseite zu wischen. «Mir geht
es gut», sagt die Kanzlerin. Sie erinnert an die beiden früheren
Vorfälle der letzten Wochen: Sie habe ja neulich schon gesagt, sie
sei in «einer Verarbeitungsphase der letzten militärischen Ehren mit
dem Präsidenten Selenskyj». Sie schiebt hinterher: «Die ist
offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen. Aber es gibt
Fortschritte. Und ich muss damit jetzt eine Weile leben.» Einen Weile
leben? Es ist, als ob Merkel fürchtet, dass es nicht der letzte
Vorfall dieser Art in der Öffentlichkeit bleiben wird.

Als ein Journalist nachhakt, ob die Öffentlichkeit angesichts der
Häufung dieser Zitter-Vorfälle nicht den Anspruch habe, zu erfahren,
wie es ihr gehe, antwortet Merkel mit einem ihrer etwas geschraubt
wirkenden Sätze: «Ich glaube, dass meine Äußerungen dazu getan wurd
en
heute. Und ich denke, dass meine Aussage, dass es mir gut geht,
Akzeptanz finden kann.» Sie glaube, «dass es so, wie es gekommen ist,
eines Tages auch vergehen wird. Aber es ist noch nicht so weit.» Und
als wollte Merkel jeden Zweifel an ihrer Fähigkeit ausschließen, ihr
Amt verlässlich auszuüben, setzt sie hinterher: «Ansonsten bin ich
ganz fest davon überzeugt dass ich gut leistungsfähig bin.»

Doch die Fragen werden bleiben, da wird sich auch Merkel keine
Illusionen machen. 18 Jahre lang, bis vergangenen Dezember, war sie
CDU-Vorsitzende, seit bald 14 Jahren ist sie Kanzlerin. Nur selten
musste Merkel in dieser Zeit wegen Krankheit kurz pausieren. Bei
ihren Verhandlungspartnern ist ihre Robustheit in durchverhandelten
Nächten legendär und gefürchtet. Und nun diese Zitterattacken.

Genau genommen ist es sogar schon das vierte Mal, dass Merkel mit
einem solchen Schüttelanfall zu kämpfen hat. Bereits bei einem Besuch
in Mexiko-Stadt im Juni 2017 zittern ihr beim Empfang durch den
damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto die Beine - genau wie jetzt
beim Abspielen der Nationalhymnen. Bis sie zum Abschreiten der
Ehrenformation losgehen kann.

Am 18. Juni wird ein solcher Zitterkrampf Merkels beim Empfang des
neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj dann erstmals
öffentlich in Deutschland wahrgenommen. Es ist brütend heiß, als
Ursache nennt Merkel später Wassermangel.

Nur neun Tage später erleidet Merkel dann erneut einen Zitteranfall.
Bei der Ernennung von Justizministerin Christine Lambrecht (SPD)
durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue ist
es diesmal nicht besonders warm. In Regierungskreisen wird schon
damals die Erklärung nachgeschoben, es hänge mit der psychologischen
Verarbeitung des Vorfalls an der Seite von Selenskyj zusammen.

Noch an diesem Dienstagnachmittag schien die Kanzlerin alles im Griff
zu haben. Beim Jahresempfang des Diplomatischen Corps auf Schloss
Meseberg, dem Gästehaus der Bundesregierung nördlich von Berlin, muss
sie eine geschlagene halbe Stunde lang mehr als 100 in Berlin
akkreditierte Botschafter begrüßen. Sie steht dort wie festgeschraubt
auf einem markierten Platz - aber nichts passiert.

Doch nun, genau eine Woche vor ihrem 65. Geburtstag, ist die
Gesundheitsfrage wieder ganz oben in den Schlagzeilen. Im Raum steht
die Frage, ob Merkel wirklich so selbstbestimmt den richtigen
Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden kann, wie sie es
sich immer vorgenommen hat.

Vor mehr als 20 Jahren schon hatte Merkel der Fotografin Herlinde
Koelbl gesagt, sie wünsche sich, nicht als «halbtotes Wrack» aus der

Politik auszusteigen. Nach den Zitter-Szenen der vergangenen Wochen
kann sich auch die Kanzlerin eigentlich kaum wundern, wenn sich nun
viele Menschen fragen: Hat sie sich im Dauer-Krisenmodus der
vergangenen Jahre zu viel zugemutet?