Schütze tötet zwölf Menschen - Debatte um Schusswaffen flammt auf Von Can Merey und Michael Donhauser, dpa

01.06.2019 19:51

Erneut schießt ein Mann in den USA wild um sich. In der Küstenstadt
Virginia Beach sterben zwölf Unschuldige. Die Debatte um
Waffenmissbrauch flammt erneut auf - an eine Reform glauben nur
wenige.

Virginia Beach (dpa) - Ein städtischer Angestellter im
US-Ostküstenort Virginia Beach hat bei einem Massaker elf Kollegen
und einen Auftragnehmer erschossen. Nach einem langen Schusswechsel
hätten Polizisten schließlich den bewaffneten Einzeltäter erschossen,

sagte der örtliche Polizeichef Jim Cervera. Vier weitere Menschen
wurden verletzt, als der Mann in einem Gebäude der Stadtverwaltung
das Feuer eröffnete. Drei befanden sich am Samstag noch mit schweren
Verletzungen auf der Intensivstation, sagte der Chefarzt der Klinik,
Martin O'Grady.

Der Täter sei seit langem bei der Stadt angestellt gewesen.
Bürgermeister Bobby Dyer sagte am Freitagabend (Ortszeit): «Das ist
der verheerendste Tag in der Geschichte von Virginia Beach.» In
Medienberichten wurde vermutet, dass er aus Frust über seine
Entlassung die Nerven verloren haben könnte. Dafür gab es jedoch
vorerst keine offizielle Bestätigung.

Am Tag nach dem Massaker gewann die in solchen Fällen in den USA
übliche Debatte um strengere Waffengesetze wieder an Fahrt. Der
Parteivorsitzende der Demokraten, Tom Perez, sagte bei CNN: «Wir
können etwas dagegen tun.» Der Waffenlobby-Organisation NRA müsse der

Kampf angesagt werden. Sein Parteikollege, der New Yorker Abgeordnete
Gregory Meeks, sagte bei CNN: «Es ist immer dasselbe. Wir halten eine
Gedenkminute, und danach passiert nichts.» Es gebe diverse
abstimmungsreife Gesetzesvorlagen. Die NRA müsse die Frage
beantworten, warum gesunder Menschenverstand nicht siegen könne.

Polizeichef Cervera sagte, der Täter sei am Freitagnachmittag in den
Verwaltungskomplex der 450 000-Einwohner-Stadt am Atlantik
eingedrungen und habe mit seiner großkalibrigen Handfeuerwaffe
wahllos auf Menschen in allen drei Stockwerken des Gebäudes
geschossen. Er sei mit mehreren übergroßen Magazinen ausgerüstet
gewesen. Als Polizisten eintrafen, habe der Schütze auch auf sie
geschossen. Ein Polizist sei getroffen worden, seine Schutzweste habe
ihm das Leben gerettet.

CNN berichtete unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass es sich bei
dem Schützen um einen 40-jährigen Mann handele. Nachbarn beschrieben
ihn demnach als Einzelgänger. Cervera sagte, die Ermittler
untersuchten einen Tatort, der «am besten als Kriegsgebiet»
beschrieben werden könne.

Eine städtische Angestellte, die sich bei dem Angriff im Gebäude
aufhielt, sagte dem Lokalsender WAVY, sie habe Schreie und Schüsse
gehört und den Notruf angerufen. «Wir haben uns im Büro
verbarrikadiert.» Sie und ihre Kollegen hätten die Tür mit einem
Schreibtisch blockiert. «Wir haben nur gehofft, dass es bald vorbei
sein wird.» Die Frau fügte hinzu: «Ich weiß nicht, was für ein Me
nsch
so etwas tun würde.» Anwohner fanden sich am Samstag zu einer
spontanen Andacht in der Nähe des Tatorts zusammen.

Die Tat sorgte für Entsetzen in den USA. In Amerika kommt es auch
wegen der laxen Waffengesetze immer wieder zu tödlichen Angriffen,
bei denen Täter wahllos auf Menschen schießen. So hatte etwa im
Oktober 2017 ein Mann in Las Vegas das Feuer auf ein Musikfestival
eröffnet und 59 Menschen getötet. Im Juni 2016 hatte ein Mann in
Orlando 49 Besucher eines Schwulenclubs erschossen.

Bemühungen von Organisationen, strengere Waffengesetze zu erkämpfen,
scheitern am Widerstand vor allem konservativer Politiker und der
Waffenlobbyorganisation NRA. Präsident Donald Trump hatte bei einer
NRA-Veranstaltung im April betont, seine Republikaner seien die
Partei, die das Recht auf Waffenbesitz schütze. Mit Blick auf die
Demokraten sagte er damals: «Sie werden auch eure Waffen wegnehmen!»
Er versprach den Waffenlobbyisten, das von Konservativen auf die
US-Verfassung zurückgeführte Recht auf Waffenbesitz nicht anzutasten.

Der Fraktionschef der Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer, nannte
das Massaker im Bundesstaat Virginia am Freitag «eine weitere
furchtbare Tragödie», die daran erinnere, dass Waffengewalt in den
USA angesprochen werden müsse. «Das kann nicht weitergehen.»