Sexuelle Gewalt im Netz - Ärzte sollen bei Kinderschutz helfen

15.03.2019 04:30

Erpressung mit freizügigen Fotos oder anzügliche Bemerkungen: Kinder
sind im Internet vielen Gefahren sexueller Gewalt ausgesetzt. Doch
Opfer trauen sich oft nicht, darüber zu sprechen. Ärzte könnten die
Schweigespirale brechen, sagen Fachleute.

Kassel/Frankfurt (dpa) - Ärzte können nach Ansicht von Fachleuten bei
der Erkennung von sexueller Gewalt an Kindern im Internet helfen. «Es
geht darum, Ärzte zu sensibilisieren, Kinder auf Medienkonsum
anzusprechen», sagte Evelyn Heyer, Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeutin, im Vorfeld einer Ärztetagung in
Kassel. Eine große Gefahr sei es etwa, wenn Kinder und Jugendliche
freizügige Bilder von sich veröffentlichten.

Seien die Bilder im Netz, gerieten die Opfer oft in eine Dynamik von
Erpressung, Scham und Gruppendruck. Betroffene könnten sich Ärzten
unter Umständen leichter anvertrauen als den Eltern, sagte Heyer:
«Ein Arzt ist eine neutrale Person und steht unter Schweigepflicht.»
Eine gute Möglichkeit für Mediziner, Jugendliche anzusprechen, sind
laut Heyer die Jugenduntersuchungen in der Pubertät.

Auch mit dem Auslegen von Infomaterial in Wartezimmern könnten
Mediziner schon etwas bewirken. Unter sexueller Gewalt verstehen
Fachleute nicht nur Übergriffe, sondern auch anzügliche Bemerkungen
oder sexuelle Belästigung über das Netz.

Der Organisator der Tagung sieht ebenfalls Handlungsbedarf. «Guter
Kinderschutz erfordert gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte und deren
Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften», sagte Bernd Herrmann,
Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Prävention und
Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI).
Das werde in Aus- und Weiterbildung bislang kaum berücksichtigt.

Auch laut der Techniker Krankenkasse sind viele Ärzte bei der
Diagnostik von Gewalt nur bedingt ausgebildet und daher teilweise
stark verunsichert. «Sie müssen wissen, wie sie reagieren sollen,
wenn sich Eltern oder Kinder mit ihren Sorgen und Fragen an sie
wenden», sagte Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen.

Zu der bundesweiten Ärztetagung in Kassel werden am Freitag und
Samstag 172 Teilnehmer erwartet. Veranstalter ist neben der DGfPI die
Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM),
unterstützt von der Techniker Krankenkasse.