Faktencheck: Stellen sich die Lungenärzte gegen Stickoxid-Grenzwerte? Von Jan Ludwig, dpa

01.02.2019 15:38

Geht es um den Diesel, werden in Deutschland viele
hellhörig: Politiker, Autobesitzer und -hersteller, aber auch
Anwohner an stark befahrenen Straßen. Nun melden sich Lungenärzte zu
dem Thema zu Wort - und widersprechen teils ihren eigenen Kollegen.

Berlin (dpa) - Dass Experten für Lungenkrankheiten eine öffentliche
Debatte antreiben, kommt nicht allzu häufig vor. Doch die Aussage von
mehr als hundert Pneumologen, Stickoxid-Grenzwerte entbehrten einer
wissenschaftlichen Grundlage, hat viele verunsichert. Was ist dran?

BEHAUPTUNG: Eine ganze Armada von Wissenschaftlern habe sich gegen
die aktuellen Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub ausgesprochen.
Damit werde die Diskussion um den Diesel endlich auf eine
wissenschaftliche Grundlage gestellt. Wissenschaftlichen Studien
würden bisher nicht von unabhängigen Forschern ausgewertet.

BEWERTUNG: Falsch. Nur eine kleine Minderheit der Lungenärzte
vertritt diese Meinung. Das vielzitierte Positionspapier wurde von
einem Bruchteil der Lungenexperten in Deutschland unterschrieben.
Eine sachliche, wissenschaftliche und unabhängige Diskussion findet
seit Jahren unter Experten auf der ganzen Welt statt - darunter
Lungenärzte und Toxikologen, Umweltwissenschaftler und Epidemiologen.

FAKTEN: Ein Positionspapier, über hundert Unterschriften, unzählige
Wortmeldungen: Das waren die Zutaten für eine große Diskussion um
Schadstoff-Grenzwerte und den Diesel, die jetzt in Deutschland vor
sich hin köchelt. Der Vorwurf, den die Lungenexperten machen: Die
geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide hätten keine
ausreichende Basis. Also alles bisher wissenschaftlicher Humbug?

Wer genauer hinschaut, für den stellen sich die Dinge etwas anders
dar. Das Positionspapier, von dem die Rede ist, wurde federführend
von dem Lungenexperten Dieter Köhler verfasst, dem ehemaligen
Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin (DGP). Es wurde bereits Anfang Januar an 3800
DGP-Mitglieder verschickt - aber nach aktuellem Stand gibt es nur 133
Unterzeichner, das sind etwa 3,5 Prozent der angefragten
Lungenexperten. Das muss per se noch nicht bedeuten, dass Köhlers
Position falsch ist. Es deutet aber darauf hin, dass eine sehr große
Mehrheit der Lungenexperten in Deutschland seine Ansicht nicht teilt.

Die offizielle Position der in der DGP vereinten Kollegen ist
tatsächlich eine andere. «Luftschadstoffe gefährden unsere Gesundheit

- besonders die von Kindern, älteren Menschen und Erkrankten», teilte
der Verband im November 2018 mit. Experten hatten damals für die DGP
ein entsprechendes Dossier erstellt. Auf 100 Seiten mit Hunderten
Fußnoten fassen sie den Wissensstand der Forschung zusammen.

Ihr Fazit: «Negative Gesundheitseffekte treten auch unterhalb der
derzeit in Deutschland gültigen europäischen Grenzwerte auf.» Für d
ie
deutsche Bevölkerung sei derzeit «kein optimaler Schutz vor
Erkrankungen, die durch Luftverschmutzung verursacht werden,
gegeben». Deshalb sei «eine Absenkung der gesetzlichen Grenzwerte
erforderlich» - also sogar noch verschärfte Richtlinien.

Auch der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und
Beatmungsmediziner (BdP) hat Stellung bezogen. «Eine Bagatellisierung
der Auswirkungen von Luftschadstoffen gefährdet die Bemühungen,
Risiken und Gefahren von Luftverschmutzung zu minimieren!», warnt
Frank Heimann, Vorsitzender des BdP, in einer Mitteilung. Der Verband
vereint mehr als 1200 Lungenärzte in Deutschland.

Hierzulande gilt ein Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro
Kubikmeter Luft. Das California Air Resources Board (Carb) - die
Behörde für die Überwachung der Luft in Kalifornien - ist hingegen
überzeugt, dass Stickoxide erst bei längerfristig anhaltenden
Konzentrationen von mehr als 57 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft
schädlich sind. Die Behörde ist bekannt dafür, mit ihren
Anforderungen an saubere Luft weltweit Maßstäbe zu setzen. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO kommt anhand der vorliegenden Studien
ebenso zu dem Schluss, dass Stickoxide auch bei geringen Mengen krank
machen können. Laut Umweltbundesamt können Stickoxide etwa Zellen in
der Lunge angreifen und Entzündungsprozesse auslösen.

Auffällig ist der Ton, den Köhler im Begleitschreiben zu seinem
kontroversen Positionspapier anschlägt. «Bei mir besteht die
Besonderheit, dass ich keiner Interessengruppe angehöre», schreibt er
dort. Köhler suggeriert damit, dass andere Experten - oder sogar alle
anderen - bestimmten Interessensgruppen angehören. Zusammen mit
seinen Ko-Autoren fordert er «eine Neubewertung der
wissenschaftlichen Studien durch unabhängige Forscher».

Der Fachmediziner äußert hier pauschale Kritik - ohne dass klar wird,
inwiefern er begründet über Tausende Experten in Deutschland und auf
der ganzen Welt urteilen kann. Neben Köhler zeichnen auch drei
weitere Autoren für das Positionspapier verantwortlich, darunter der
Karlsruher Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch. Laut dessen
offizieller Vita entwickelte Koch zehn Jahre lang Motoren für
Daimler. Aufrufe von Wissenschaftlern seien «ein beliebtes
Lobbyinstrument», kritisierte Lobbycontrol, ein Verein, der sich für
mehr Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen einsetzt.

Ein weiterer Kritikpunkt von Köhler lautet, dass kein Mensch bisher
an Stickoxiden und Feinstaub gestorben sei. Dies gilt aber etwa auch
für das Rauchen, für Bewegungsmangel und hohen Zuckerkonsum. Menschen

sterben nicht an den unmittelbaren Einwirkungen, sondern an den
möglichen Folgen davon. Gleiches gilt dem wissenschaftlichen Konsens
zufolge für Luftschadstoffe: Sie sind ein Risikofaktor für
Krankheiten, die es nach Kräften zu vermeiden gilt. Entsprechend
müssen Schadstoff-Grenzwerte politisch festgelegt werden und sind
daher oft besonders streng ausgelegt, um das Risiko zu minimieren -
ein Kompromiss aus Anspruch und Machbarkeit.