Dramatische Personalnot: Manche Kita macht tageweise dicht Von Helen Hoffmann, dpa

04.01.2019 13:52

In vielen Kitas fehlen Erzieherinnen und Erzieher. Mitunter ist die
Not so groß, dass Einrichtungen die Betreuungszeiten herunterfahren
oder tageweise schließen müssen - extrem schwierig für berufstätige

Eltern.

Berlin/Achim (dpa) - Bundesweit haben Kindertagesstätten das gleiche
große Problem: Es fehlt Personal. «Die Lage ist dramatisch schlecht
»,
sagt Hauptvorstandsmitglied Björn Köhler von der Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW). «Eigentlich bräuchten wir 100 000
Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten.» Das
Bundesfamilienministerium hat die Not erkannt und ein Förderprogramm
angekündigt: Ministerin Franziska Giffey (SPD) will die Länder von
Sommer 2019 an bis 2022 mit rund 300 Millionen Euro unterstützen, um
mehr Kita-Fachkräfte zu gewinnen. «Vor allem in städtischen
Ballungsräumen sind teilweise gravierende Engpässe zu verzeichnen»,
sagt eine Ministeriumssprecherin.

Eltern bekommen den Mangel an Erzieherinnen und Erziehern deutlich zu
spüren. Bundesweit fehlen Kita-Plätze, die Nachfrage nach einem
Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren ist deutlich größer als

das Angebot. Besonders krass: Nach GEW-Angaben können mancherorts
Einrichtungen nicht loslegen, weil Personal fehlt.

Aber auch Eltern, die einen Betreuungsplatz für ihr Kind bekommen
haben, spüren die Personalnot: Bundesweit kommt es vor, dass Kitas
vorübergehend schließen müssen, weil es bei Krankheitsfällen nicht

genug Kräfte gibt, die einspringen können.

In der niedersächsischen Kleinstadt Achim nahe Bremen zum Beispiel
hatte eine städtische Einrichtung 2018 solche Personalnot, dass eine
Kita-Gruppe für mehrere Monate nur bis 14 Uhr anstatt wie geplant bis
16 Uhr geöffnet war. «Zusätzlich gab es einzelne Schließungstage -

immer dann, wenn ich den Betrieb nicht gewährleisten konnte, weil
Kolleginnen krank waren», erzählt Kita-Leiterin Hannelore Lankenau.

Mehrfach habe es nur einen Notdienst gegeben. Grund für die Situation
war, dass eine Erzieherin gekündigt hatte und die andere nach der
Probezeit nicht übernommen wurde. Die Suche nach einer neuen
Fachkraft blieb monatelang erfolglos. «Wir haben niemanden gefunden»,
sagt Lankenau.

Für die Eltern waren die plötzliche Kürzung der Betreuungszeit und
die Schließungstage ein Schock, wie der damalige Vorsitzende des
Elternbeirates, Oliver Matthes, erzählt. «Das war katastrophal. Es
war ein Gefühl der Ohnmacht und Wut. Viele Eltern fühlten sich von
der Stadt alleingelassen.» Als Notlösung übernahmen zunächst Eltern

am Nachmittag die Betreuung für die Kinder in der Einrichtung. Später
sprachen Mütter und Väter sich im Freundeskreis ab oder organisierten
eine Betreuung durch Verwandte, die teils von weiter weg anreisten.
Für Alleinerziehende oder sozial Schwächere sei die Situation
besonders hart gewesen, sagt Matthes.

Die Brisanz der Lage zeigen exemplarisch die Zahlen der Stadt Achim
zum Kita-Jahr 2017/2018: An 78 Tagen musste diese Kita mit mehreren
Gruppen das Betreuungsangebot reduzieren oder schließen. «Wir wissen,
wie schwer das für Eltern ist», sagt Wiltrud Ysker, die in Achim für

den Fachbereich Bildung zuständig ist.

Erzieherinnen und Erzieher zu finden ist bundesweit schwierig, denn
es gibt zu wenig Fachkräfte. Die Kommunen und Städte werben um das
Personal und stehen dabei oft in Konkurrenz zueinander. «Wir fischen
alle im selben Teich», sagt Achims Bürgermeister Rainer Ditzfeld
(parteilos) mit Blick auf umliegende Städte wie Bremen.

Einen Grund für den drastischen Fachkräftemangel sieht die
Gewerkschaft GEW in der bisherigen Ausbildungssituation. «Ein großes
Problem ist nach wie vor die Bezahlung», sagt Köhler. Eine Erzieherin
durchlaufe in der Regel eine vier- bis fünfjährige unbezahlte
Ausbildung. In der Vergangenheit mussten viele Auszubildende sogar
Schulgeld bezahlen. «Das drückt aus, wie unsere Gesellschaft mit
diesen Berufen lange Jahre umgegangen ist.»

Das Bundesfamilienministerium setzt auf das Förderprogramm, das Mitte
2019 starten soll. «Es muss attraktiver werden, eine Ausbildung
anzufangen, sie abzuschließen und danach im Beruf zu bleiben», sagte
Ministerin Giffey jüngst. Mit finanzieller Hilfe des Bundes sollen
die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen verbessert werden. Dazu
gehört, dass mehr Auszubildende eine Vergütung erhalten.

Die Linkspartei hält weitere Maßnahmen zur Aufwertung der
Erziehungsberufe für nötig, um den Personalmangel zu beheben. «Zu
einer ernst gemeinten Aufwertung gehört die Anrechnung von Vor- und
Nachbereitungszeiten, Fortbildung und Krankheit auf den
Betreuungsschlüssel», sagte Parteichef Bernd Riexinger.

Aus Sicht der GEW drängt die Zeit: Die Gewerkschaft geht davon aus,
dass Deutschland bis 2025 mindestens 300 000 zusätzliche
Erzieherinnen und Erzieher braucht, um den jetzigen Standard zu
halten. Wenn Deutschland die Qualität verbessern wolle, seien
wahrscheinlich rund 500 000 zusätzliche Fachkräfte nötig, sagt
Köhler, der darauf verweist, dass ein großer Teil der Frauen in den
Kitas älter als 50 Jahre ist. Eine Studie für das Familienministerium
geht davon aus, dass bis 2030 fast 200 000 Fachkräfte in Kindergärten
und Grundschulen fehlen. Auch wenn die Zahlen von Gewerkschaft und
Ministerium weit auseinander liegen: Der Ernst der Lage ist klar.