Familienglück mit HIV - was Therapien möglich machen Von Ulrike von Leszczynski, dpa

30.11.2018 04:01

Sex ohne Kondom und gesunde Kinder trotz HIV? Was lange undenkbar
schien, ist heute kein Problem. Wirksame Therapien erlauben ein ganz
normales Leben. Doch wer weiß das?

Berlin (dpa) - Wenn die Jungs Blödsinn machen und die Kleine sich das
abguckt - dann könnte Franziska Borkel manchmal die Wände hochgehen.
Dreijährige Zwillinge hat sie und eine einjährige Tochter. «Die drei

sind eine größere Herausforderung als mein Leben mit HIV», sagt die
35-jährige Mutter schmunzelnd. Ihre Kinder, der ganz normale
Alltagswahnsinn, das bringe sie manchmal an den Rand der Erschöpfung.
«Aber es frisst mich nicht auf. Ich bin glücklich. Ich bin eine von
vielen Frauen in Deutschland, die mit HIV leben und sich ihre Träume
erfüllen.»

Gegen ihre Krankheit nimmt Franziska Borkel zwei Tabletten am Tag.
Damit wird das Virus so stark unterdrückt, dass sie weder ihren Mann
noch ihre Kinder anstecken kann. Normale Lebenserwartung, keine
Einschränkungen im Alltag, Sex ohne Kondom und natürliche Geburten -
all das ist unter einer wirksamen Therapie heute möglich. Zum
Welt-Aids-Tag am 1. Dezember will eine Kampagne der Deutschen
Aids-Hilfe beleuchten, was wirksame Therapien für geschätzt rund 86
000 Menschen bedeuten, die in Deutschland mit dem HI-Virus leben -
davon rund 17 000 Frauen.

Heilbar ist die Infektion bis heute nicht. Doch seit rund 20 Jahren
lässt sich HIV bei rechtzeitiger Diagnose mit Therapien wie eine
chronische Krankheit behandeln. Vor zehn Jahren machte eine
Einschätzung der Schweizer Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen

Schlagzeilen. Sie trug Belege dafür zusammen, dass das HI-Virus unter
wirksamer Therapie nicht mehr übertragbar ist.

Heute ist durch große wissenschaftliche Studien bewiesen, wie Recht
die Schweizer hatten: HIV ist unter wirksamer Therapie nicht
ansteckend. «Das können wir so bestätigen. Das deckt sich mit unserer

Einschätzung», sagt Uwe Koppe, HIV-Experte am Robert Koch-Institut
(RKI). Er zitiert Studien mit hetero- und homosexuellen Paaren, in
denen ein Partner HIV-positiv und der andere nicht infiziert war.
«Unter wirksamer Therapie kam es bisher zu keiner Übertragung», fasst

er zusammen. «Das ist eine ganz tolle Botschaft. Weil Sex mit so viel
Angst verbunden war und mit der Stigmatisierung von HIV-Positiven.
Heute können sie sogar Kinder zeugen.»

Franziska Borkel bekam ihre HIV-Diagnose mit 16. Danach waren
regelmäßige Blutchecks für sie selbstverständlich. Leicht war das
später in Studium und Beruf nicht immer zu organisieren, denn die
Umweltwissenschaftlerin lebte auch in Marokko und Nepal. Mit einer
HIV-Therapie begann sie mit Mitte 20 in Spanien. «Heute würde man
früher anfangen. Das war eine andere Zeit», urteilt sie.

Kondome waren für sie seit der Diagnose erst einmal
selbstverständlich. Ablehnung in Liebesdingen habe sie nie erfahren,
wenn sie über ihre Infektion sprach, sagt sie. «Nachdenklichkeit
schon. Und die Bitte, über HIV erst einmal in Ruhe nachlesen zu
dürfen.» Oder einen Arzt zu fragen, wenn es um das Weglassen von
Kondomen ging. Mit dem Wunsch nach Kindern stellten sich für sie und
ihren Mann neue Fragen: Nach dem Übertragungsrisiko bei
Schwangerschaft und Geburt und den Auswirkungen der Medikamente auf
das ungeborene Kind. «Als wir uns sicher waren, dass kein Risiko
besteht, haben wir die Familiengründung gewagt.»

Doch selbst in Krankenhäusern sah sie sich mit Unwissen konfrontiert.
Kliniken in Baden-Württemberg, wo sie damals lebte, wollten eine
HIV-positive Frau unter Therapie nur mit Kaiserschnitt entbinden.
«Obwohl in den ärztlichen Leitlinien stand, dass die vaginale Geburt
empfohlen wird», sagt Franziska Borkel. Denn Therapien haben auch für
Geburten viel verändert: Ohne HIV-Übertragungsrisiko wiegt der Nutzen
eines tiefen Schnitts in den Bauch mögliche Komplikationen dadurch
nicht mehr auf.

Franziska Borkel hat ihre Zwillinge schließlich in Frankfurt (Main)
entbunden - ohne Kaiserschnitt. Ihr jüngstes Kind kam in Berlin zur
Welt. «Es gibt in großen Städten ein Paralleluniversum der
HIV-Versorgung. Ohne Diskriminierung», sagt sie. «Es ist gut, dass
HIV heute nicht mehr so skandalisiert wird», sagt RKI-Experte Koppe.
«Aber dadurch kommen neue Erkenntnisse natürlich auch weniger in die
Köpfe.»

Die Deutsche Aids-Hilfe wertet die bisherigen Erfolge durch Therapien
als Entlastung für Betroffene. «Die meisten Menschen empfinden es als
belastend zu wissen, dass sie andere mit HIV anstecken können», sagt
Sprecher Holger Wicht. «Genau deswegen sollen möglichst viele
Menschen erfahren, dass HIV unter Therapie nicht übertragbar ist.»

Ihren Kindern erklärt Franziska Borkel ihre Krankheit altersgerecht,
soweit sie es verstehen können. «Ich glaube nicht, dass sie
Diskriminierung trifft. Wenn es für mich angstfrei ist, dann ist es
das für meine Kinder genauso.»