Altersdiabetes: Teure Insulin-Arzneimittel nicht mehr auf Rezept

200 000 bis 400 000 Patienten mit Altersdiabetes erhalten schnell wirksame Insulin-Analoga

Schätzungsweise 200 000 bis 400 000 Patienten mit Altersdiabetes erhalten schnell wirksame Insulin-Analoga künftig nur noch in Ausnahmefällen von der Krankenkasse bezahlt. Auf Kassenkosten dürfen die Präparate nur dann verordnet werden, wenn sie nicht teurer sind als Humaninsulin. Das beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten und Krankenkassen am Dienstag in Siegburg. Insulin-Analoga können den Angaben zufolge um ein Vielfaches teurer sein als Humaninsulin. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) kritisierte die Entscheidung.

Im Vergleich zu Insulin-Analoga sei eine gute medizinische Versorgung von Diabetikern des Typs 2 (Altersdiabetes) mit Humaninsulin «ebenso zweckmäßig und derzeit wesentlich kostengünstiger zu erreichen», urteilte der Ausschuss. Insulin-Analoga können künftig nur noch dann zu Lasten der gesetzlichenKassen verordnet werden, wenn ein Patient auf Humaninsulin allergisch reagiert oder diese Therapie in besonderen Fällen wirtschaftlicher ist.

Bei der Entscheidungsfindung sei es allein um die Frage gegangen, ob es für die Patienten bei der Behandlung mit einem kurzwirksamen Insulinanalogon einen «belegten Zusatznutzen gibt, der den deutlich höheren Preis rechtfertigt». Belege dafür habe die Pharmaindustrie bisher nicht vorlegen können. «Deshalb musste der G-BA im Interesse von vielen Millionen gesetzlich krankenversicherten Menschen und Beitragszahlern die Kostenbremse ziehen», sagte der Vorsitzende Rainer Hess.

Der Ausschuss sichert nach eigener Einschätzung mit dieser vom Preis abhängigen Einschränkung «die Versorgung von Diabetes-Typ-2-Patienten und wird zugleich seiner Verantwortung gerecht, die er für die dauerhafte Finanzierbarkeit medizinisch notwendiger Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung trägt». Mit dem Beschluss, der dem Bundesgesundheitsministerium noch zur Prüfung vorgelegt wird, setzte der G-BA eine Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) um.

Der Pharmaverband BPI sprach von einer «Entscheidung gegen die Patienten». Damit werde die «Zwei-Klassen-Medizin» für Diabetiker «zementiert», sagte der Vorsitzende Bernd Wegener. Sie müssten für die Finanzprobleme der Kassen mit ihrer Gesundheit zahlen. Der Pharmahersteller Sanofi-Aventis wertete den Beschluss als Absage an den Forschungsstandort Deutschland. Das Unternehmen könne seinem Ziel, jedem Diabetiker die bestmögliche individuelle Therapie zur Verfügung zu stellen, nun nicht mehr gerecht werden. Sanofi-Aventis erwägt rechtliche Schritte.

Als Humaninsulin wird die Nachbildung des körpereigenen Hormons Insulin bezeichnet, Insulin-Analoga sind synthetische Insulin-Abwandlungen. Sie wirken schneller als Humaninsulin, weshalb die Patienten sich Insulin-Analoga ohne großen zeitlichen Abstand vor dem Essen spritzen können. Insulin-Analoga sind in Deutschland seit etwa zehn Jahren auf dem Markt.